Leitartikel
Zinspolitik mit Maß

Weltweit keimt neue Inflationsangst. Deswegen denken die Notenbanken über Zinserhöhungen nach – mit Ausnahme der USA, wo nach einer Kette kleiner Zinserhöhungen jetzt offenbar eine erste geldpolitische Pause ansteht. Nach Amerika geht nun in Europa und Japan langsam, aber sicher die Zeit des billigen Geldes zu Ende.

Beim heutigen Niedrigzinsniveau ist dies aber noch kein Grund zur Traurigkeit. Denn wachsender Preis- und Zinsdruck sind ja die Folge einer Verbesserung der Konjunktur und des Endes der Wachstumsschwäche. Steigende Zinsen sind mithin der Preis des Aufschwungs.

Nun kommt es darauf an, dass Notenbanker, Politiker, Unternehmer, Gewerkschafter und Verbraucher in dieser wichtigen Konjunkturphase einen kühlen Kopf behalten, um zu verhindern, dass die Zinsen allzu schnell auf ein Niveau klettern, das das Wachstum wieder abwürgen könnte. Die Devise sollte „Maß halten“ lauten: Die Zentralbanken müssen sich jede neue Zinserhöhung dreimal überlegen. Die Regierungen dürfen trotz der zu erwartenden Steuermehreinnahmen keinesfalls vom Pfad der haushaltspolitischen Konsolidierung abweichen.

Dies auch deswegen, weil höhere Zinsen den Staatshaushalt zusätzlich belasten. Die Unternehmen müssen zwar dringend investieren, bevor die Finanzierung noch teurer wird, aber sie sollten im Gegensatz zur Internetboomphase der Jahrhundertwende allzu große Ertragsrisiken vermeiden. Und die Gewerkschaften müssen sich unbedingt weiter in Lohnzurückhaltung üben. Wenn der jüngste Metallabschluss Schule machen sollte, kann das der Konjunktur am Ende nur schaden.

Das Motto „Maß halten“ ist umso wichtiger, als der Weltwirtschaft in dieser zarten Aufschwungphase Gefahren drohen, die auf Grund der mit ihnen verbundenen Unsicherheitsfaktoren nicht unterschätzt werden dürfen. Vor allem die Ölpreisentwicklung, verursacht durch die anhaltende Instabilität im Nahen Osten, droht das Wachstum zu dämpfen. Die Explosion der Rohstoffpreise insgesamt ist ungesund. Auch die neue Schwächephase des US-Dollars, die den Euro-Kurs nach oben drückt und die europäischen Exporte verteuert, wird sich früher oder später bremsend auf die Konjunktur auswirken.

Angesichts dieser internationalen Risiken ist es umso wichtiger, dass die Regierung Merkel-Müntefering in den nächsten Monaten ihrerseits alles tut, um mit entschlossener Reformpolitik die internen Stolpersteine auf dem Wachstumspfad zu beseitigen. Dazu gehören Strukturreformen ebenso wie die Etatsanierung.

Doch im Moment gehen von Berlin leider nur Signale aus, die die Furcht nähren, dass die große Koalition ihre historisch einmalige Chance der breiten Parlamentsmehrheit leichtfertig verspielt. Wenn man die ganze Republik in einer derart heiklen Konjunkturphase nur über ein kostspieliges „Elterngeld“ und eine verfassungsrechtlich problematische „Reichensteuer“ debattieren lässt, verkennen die Regierenden offenbar den Ernst der Lage. Wie hoch müssen die Zinsen steigen, damit in Berlin endlich Vernunft einkehrt?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%