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Leitung gekappt

Kai-Uwe Ricke gibt selbst die Entwarnung. Personalfragen, versichert der Chef der Deutschen Telekom, seien am Wochenende auf der Aufsichtsratssitzung kein Thema gewesen.

Genau darin liegt die Dramatik: Deutschlands Vorzeigekonzern braucht dringend klare Personalentscheidungen. Doch die hat der Aufsichtsrat nicht gefällt. Damit wird deutlich: Deutschlands einstiger Vorzeigekonzern hat nicht nur ein Problem im Vorstand, sondern in der gesamten Führung.

Unter Leitung von Klaus Zumwinkel haben sich die Aufseher weder für noch gegen den Vorstandsvorsitzenden Ricke ausgesprochen. Auch in der nächsten Sitzung des Kontrollgremiums scheint die Verlängerung seines Vertrages nicht auf der Tagesordnung zu stehen. Dabei läuft der in einem Jahr aus. Die Entscheidung aufzuschieben heißt nicht, dass Ricke jetzt den Auftrag bekommen hätte, energischer als bisher ans Werk zu gehen. Durch die Verzögerung wird seine Autorität im Konzern vielmehr massiv beschädigt, nach der fatalen Devise: Vielleicht ist der Chef ja sowieso bald weg.

Probleme gibt es inzwischen genug. Allein im ersten Halbjahr haben eine halbe Million Kunden ihren Festnetzanschluss gekündigt. Und die Telekom hat keine Antwort darauf. Im Gegenteil: Online, Mobilfunk und Festnetz machen sich unter dem Konzerndach noch fröhlich Konkurrenz.

Die Aufsichtsratssitzung war deshalb mit großer Spannung erwartet worden. Manche sahen schon den Kopf des Telekom-Vorstandsvorsitzenden wegen der desaströsen Zahlen rollen. Doch einen bis zuletzt erfolgreichen Manager mal eben zu feuern wäre wahrlich kein guter Stil. Nötig wäre es aber gewesen, die Verhältnisse im Top-Management des Konzerns zu klären. Das hat der Aufsichtsrat versäumt.

Alle operativen Vorstände einschließlich Ricke bekommen zusätzliche Aufgaben – nur Walter Raizner nicht. Der verantwortet das Festnetz, das größte Sorgenkind. Konsequent wäre eine Trennung von Raizner gewesen.

Hinzu kommt: Heinz Klinkhammer, zuständig für das äußerst schwierige Personalmanagement bei der Telekom, wird den Konzern wohl vorzeitig verlassen. Der 60-Jährige ginge in einer äußerst kritischen Phase in den (Vor-)Ruhestand. Denn die Telekom will 30 000 Stellen streichen. In Wahrheit sind vermutlich noch mehr Mitarbeiter unterbeschäftigt. Der erfahrene Klinkhammer muss nicht nur ein betriebswirtschaftliches Problem lösen. Auch politisch hat er den schwierigsten Job im ganzen Konzern. Wie Ricke mit seinem Rumpfvorstand den schlingernden Telekom-Koloss wieder in Fahrt bringen will, das dürfte sein Geheimnis sein.

Vielleicht weiß es Klaus Zumwinkel. Aber der greift nicht durch. Möglicherweise ist er einfach überfordert. Als Rickes Chefaufseher muss er der Telekom fast täglich zur Hilfe eilen. Gleichzeitig brennt es bei der gelben Post, deren Vorstandsvorsitzender Zumwinkel auch noch ist. Die US-Geschäfte bereiten ihm große Sorgen. Kurzum: Zumwinkel übt den Spagat zwischen zwei Chefjobs. Schon einer davon beansprucht ihn aber voll und ganz.

Ihr Kundenproblem kann die Telekom mit Preisen und neuen Angeboten lösen. Nicht aber ihr Führungsproblem.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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