Libanon
Die unvollendete Nation

Zwei Nein machen noch keine Nation.“ Das prophezeite 1943 ein berühmter Zeitgenosse für die Zukunft des Libanons nachdem das Land von Frankreich unabhängig geworden war.

Damals waren die Libanesen über die Identität ihres Landes tief gespalten: Die Mehrheit der muslimischen Kräfte wollte im Namen der Zugehörigkeit zur großen arabischen Nation die Einheit mit Syrien. Ihre christlichen Gegenspieler traten für die Verbindung des Landes mit der damaligen französischen Mandatsmacht ein, die 1920 den libanesischen Staat ins Leben gerufen hatte. Der politische Streit endete mit einem Kompromiss, wonach die einen auf ihren Traum von der pan-arabischen Einheit und die anderen auf die Verbindung zu Frankreich verzichteten. Beide Lager teilten sich daraufhin die politische Macht nach einem Proporzsystem, das den Religionsgemeinschaften bis heute eine entscheidende Rolle im Staat zuweist. So erblickte der unabhängige Libanon als unvollendete Nation das Licht der Welt.

Die Erinnerung an die Geburtsstunde des libanesischen Staates soll hier keine Geschichtsstunde einleiten. Sie soll vielmehr klar machen, dass die gegenwärtige Zerreißprobe zwischen dem Regierungslager und der Hisbollah die Fortsetzung eines alten Konflikts ist, der ständig in jeder politischen Krise den inneren Frieden im Libanon aufs Spiel setzt. Die tiefe politische Spaltung und die Suche nach Verbündeten im Ausland gehören dabei zu den bestimmenden Wesenszügen der Politik im Zedernland. Dies war der Fall während der Unruhen von 1958 und im Bürgerkrieg 1975-1990. Der Libanon wurde dabei auch immer wieder zu einem bevorzugten Schauplatz des israelisch-arabischen Konflikts.

Der erste Golfkrieg 1991 zur Befreiung Kuwaits verwandelte den Libanon dabei in eine syrische Einflusssphäre, während der zweite Krieg zum Sturz des Saddam-Regimes 2003 bereits wieder das Ende der syrischen Herrschaft einleitete. Denn ohne die Kündigung der syrisch-amerikanischen Freundschaft durch die Regierung von Präsident Bush hätte das libanesische antisyrische Lager so gut wie keine Erfolgschancen im Land gehabt. Bis zur Verlängerung des Mandats von Präsident Emil Lahud durch Syrien rekrutierte sich die Opposition gegen Syrien hauptsächlich aus den christlichen Parteien von General Aoun, der Phalangistenpartei und den „Forces Libanaises“ (FL). Die traditionelle Trennlinie zwischen einem prosyrischen islamischen und einem antisyrischen christlichen Lager blieb bis dahin erhalten.

Erst die Ermordung Hariris am 14. Februar 2005 und der darauf folgende syrische Abzug aus dem Libanon haben die politische Konstellation im Land verändert. Es kam zu einer Scheidung zwischen dem syrischen Regime und den wichtigsten politischen Vertretern der Sunniten im Libanon. So erweiterte sich die konfessionelle Basis der antisyrischen Opposition, die inzwischen auch den sunnitischen Führer Saad Hariri und den Drusenführer Dschumblatt umfasst. Auf der anderen Seite ist die schiitische Hisbollah der Hauptverbündete Syriens im Libanon und lokaler Handlanger für die Achse Damaskus-Teheran.

Der Libanon hätte von der Zedernrevolution im vorigen Jahr profitieren können, wenn er nicht sofort wieder von seinen eigenen Führern verraten worden wäre. Die antisyrischen Kräfte spalteten sich, weil General Aoun, der über eine breite politische Basis unter den Christen verfügt, den alleinigen Vertretungsanspruch einnehmen wollte. Im vorigen Jahr wurden sogar Wahlbündnisse zwischen Hariri, Dschumblatt und der Hisbollah geschlossen, was erstmals zur Beteiligung der Hisbollah an der Regierung führte. Zum Streit innerhalb der Koalition kam es später auf Grund der Weigerung der Hisbollah, ihr Bündnis mit dem Assad-Regime zu beenden. Der völlige Bruch vollzog sich jedoch im letzten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, als sich General Aoun christliche Rückendeckung sicherte.

Heute fordert die Hisbollah mit syrischer und iranischer Unterstützung mehr Einfluss in der Regierung, um ihre Entwaffnung zu verhindern und über das Mandat der Uno-Friedenstruppe mitreden zu können. Das antisyrische Lager versucht andererseits, mit saudischer und amerikanischer Hilfe die Hisbollah politisch zu neutralisieren und zu entwaffnen. Darüber hinaus will die christliche Regierungsmehrheit unbedingt das internationale Tribunal zur Klärung des Mordes an Hariri durchsetzen, um das syrische Regime zur Verantwortung zu ziehen. Trotz seiner parlamentarischen Mehrheit steht das Regierungslager dadurch, dass es keinen schiitischen Partner hat, aber vor großen Schwierigkeiten, denn die libanesische Verfassung verlangt die Vertretung aller Religionsgemeinschaften im Kabinett. Die gegenwärtige politische Polarisierung im Libanon erhöht dabei auf Grund ihrer engen Verbindung mit der nicht minder explosiven Irak-Krise, dem Palästinaproblem und dem iranischen Atomkonflikt die Gefahren eines Bürgerkriegs. Der Rücktritt der schiitischen Minister und die von der Hisbollah angekündigten Massendemonstrationen zum Sturz der Regierung haben dabei zu einer Verhärtung der Position im Regierungslager geführt.

Die Ermordung des Industrieministers Pierre Gemayel hat zudem den Graben zwischen den verfeindeten Lagern noch weiter vertieft. Ein politischer Konsens zwischen den Konfliktparteien scheint nicht möglich zu sein, da beide Seiten fest an ihren Sieg glauben und ihre konfessionelle Basis mobilisieren. Dabei verstoßen die Kampfhähne gegen die im Libanon altbewährte Spielregel, die stets auf politischen Ausgleich und Konsens setzt. Politische Stabilität wird es deshalb wohl im Libanon so lange nicht geben, wie Religion und Politik nicht voneinander getrennt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%