Libanon
Gebremster Ehrgeiz

Wenn es zum Schwur kommt, entpuppen sich hehre Vorsätze allzu leicht und allzu rasch als Lippenbekenntnisse. Die Bemühungen zur Aufstellung einer internationalen Friedenstruppe zur Absicherung des von der libanesischen Regierung und der Hisbollah einerseits und Israel andererseits akzeptierten Waffenstillstands dokumentieren dies nachhaltig.

Die zunächst gehegten Hoffnungen, die Staatengemeinschaft könnte sich schnell und entschlossen dazu aufraffen, die für eine solche Militäroperation erforderlichen Truppenkontingente zur Verfügung zu stellen, sind verflogen. Vorerst jedenfalls. Einmal mehr könnte sich also die Erfahrung bestätigen, dass sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht schon dadurch als handlungsfähig erweist, indem er Resolutionen formuliert. Diese müssen auch eine realistische Chance haben, in die Tat umgesetzt zu werden. Und vielen Ländern sitzt das Hemd eben allemal näher als der Rock. Dies gilt auch und gerade für solche, die auf Grund ihrer militärischen Potenz und ihrer Erfahrung mit heiklen Auslandseinsätzen für eine solche Mission überhaupt relevant sind.

Die Enttäuschung von Uno-Generalsekretär Kofi Annan ist nachvollziehbar: Die Franzosen wollen ihr bereits vor Ort präsentes Unifil-Kontingent zunächst nur um 200 Soldaten aufstocken. Auch die Bundesregierung übt sich mit der angebotenen Entsendung von Marine- und Pioniereinheiten eher in Bescheidenheit. Die Vokabel „humanitär“ muss dabei als Entschuldigung herhalten. Ob die Italiener ihrer vergleichsweise großzügigen Offerte von rund 3 000 Soldaten auch entsprechende Taten folgen lassen, muss abgewartet werden. Von der vorgesehen Truppenstärke von insgesamt 15 000 Mann ist die Uno jedenfalls noch weit entfernt. Und die Zeitspanne bis Anfang November, wenn die Truppe in voller Stärke vor Ort präsent sein sollte, ist kaum üppig bemessen.

Noch ist es zu früh zu unken, dass auch der Resolution 1701 das Schicksal droht, Makulatur zu werden. Aber das Zögern vieler Länder, sich mit eigenen Soldaten an der Friedensmission zu beteiligen, darf nicht verwundern. Denn dieses basiert nicht nur darauf, dass die Libanon-Resolution bislang nur den Rahmen der Mission absteckt und die exakten Details noch offen sind. Ein wesentlicher Grund ist vielmehr, dass die Uno zu einem höchst riskanten Unterfangen einlädt. Denn ob, wie vorgesehen, die libanesischen Streitkräfte in der Lage sein werden, die schiitischen Hisbollah-Milizen zu entwaffnen, ist mit einem fetten Fragezeichen zu versehen. Rund 40 000 kriegserprobten israelischen Soldaten ist dies in vier Wochen nicht gelungen. Wie sollen dann 15 000 eher dürftig ausgerüstete libanesische Soldaten dies bewerkstelligen können?

Diese Frage stellt sich umso zwingender, als sich die libanesische Armee zu etwa 40 Prozent aus Schiiten rekrutiert. Einem nicht geringen Teil davon darf unterstellt werden, mit der Hisbollah zumindest zu sympathisieren. Der Ehrgeiz, der Order zur Entwaffnung Folge zu leisten, dürfte sich wohl in engen Grenzen halten. Bereits jetzt ist in dem doch so heterogen strukturierten Zedernland die Parole zu hören: "Wir sind doch alle Libanesen!“

Nicht umsonst hat Beiruts Premierminister Fuad Siniora schon den Rückzug angetreten: Die Hisbollah-Kämpfer sollen ihre Waffen doch einfach verstecken, sie auf keinen Fall offen tragen. Im Klartext: Sie sollen ihre Landsleute in der Armee möglichst nicht provozieren, ihnen keinerlei Anlass bieten, gewaltsam einschreiten zu müssen. Denn nicht nur Siniora weiß: Ein Funkenflug, ein Schusswechsel zwischen Libanesen kann sehr leicht in einen neuen Bürgerkrieg münden. Und einige Verbände der Unifil fänden sich automatisch zwischen den Fronten wieder.

Aber nicht nur in einem solchen Fall: Die israelische Regierung hat am Wochenende ziemlich deutlich erkennen lassen, wie sie den Waffenstillstand zu interpretieren gedenkt: Wenn es als opportun gilt, fallen auch weiterhin Bomben auf den geschundenen Libanon.

Ministerpräsident Ehud Olmert will die Hisbollah jedenfalls jagen lassen, „wann immer wir wollen“. Und er will auf niemanden Rücksicht nehmen. Dass Jerusalems Regierungschef dabei die Unifil-Friedenstruppe ausschließen will, hat er nicht gesagt.

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