Literaturnobelpreis
Politische Ohrfeige

Orhan Pamuk hätte den Nobelpreis für Literatur auch verdient, wenn er „nur“ ein Schriftsteller wäre. Aber die Entscheidung der Schwedischen Königlichen Akademie ist auch eine politische.

Mit Pamuk wird ein großer türkischer Romancier geehrt, aber auch ein Verteidiger der offenen Gesellschaft, der Meinungsfreiheit und der europäischen Integration gegen islamistische Eiferer.

Für Ankara ist die Entscheidung ein zweischneidiges Lob. Zwar wird erstmals ein Türke ausgezeichnet, aber auch ein Autor, der in Opposition zur islamisch orientierten Regierung und zum Militär steht. Er fordertBekannt ist vor allem, dass eine offene Auseinandersetzung mit den Morden an Armeniern und Kurden im Osmanischen Reich. Die brachte ihn wegen „Beleidigung des Türkentums“ vor Gericht. , weil er in einem Interview die Tötung der Türken an den Armeniern während des ersten Weltkrieges offenen benannte hatte.Nur auf massiven Druck der EU auf den Beitrittskandidaten Türkei war das Verfahren eingestellt worden.

Ebenfalls gestern verabschiedete die französische Nationalversammlung einen Gesetzentwurf, der die Tötung der Armenier Völkermord nennt und jede Leugnung unter Strafe stellen soll. Dabei ist unter Historikern umstritten, ob es sich um geplanten Mord handelte, oder um gezielte Vertreibung mit fatalen Folgen. Auch Orhan Pamuk spricht nicht von Völkermord, scheut sich aber ebenso wenig, für freie Meinungsäußerung Partei zu ergreifen.

Dieser politischen Dimension waren sich die Schweden bewusst, als sie den lange favorisierten, aber dennoch für einen Nobelpreisträger ungewohnt jungen Pamuk auswählten. Sie nennen ihn in der Begründung einen Gesellschaftskritiker und loben, dass er „neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden hat“. Deutlicher kann die Akademie zu Gunsten einer modernen, offenen Gesellschaft in der Türkei nicht Stellung beziehen. Eine politische Ohrfeige für die Islamisten, aber eine gute Entscheidung für alle Türken, die ihr Land als Teil Europas sehen.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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