Lokführer-Streik bei der Bahn
Der Übermacht müssen Grenzen gesetzt werden

Streik ist ein wichtiges Grundrecht. Berufsgruppen nutzen es, um ihre Interessen durchzusetzen. Aus ihrer Sicht ist das nur rational. Betreffen Arbeitskämpfe besondere Bereiche, sollten aber auch besondere Regeln gelten.
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Ich bin froh, heute kein Pendler zu sein. Ich bin froh, dass mir die Wartezeiten auf den zugigen Bahnsteigen erspart wurden, die "Sorry, komme zu spät - Streik"-Mails an meine Kollegen und die nervtötenden Durchsagen der Bahn.

Doch ich bin auch froh, dass ich keine Lokführerin bin. Sie dürften einer der meist gehassten Berufsgruppen in diesen Tagen angehören. Dabei nehmen sie nur ein Recht wahr, das ihnen per Grundgesetz zusteht.

Und Hand aufs Herz: Wer würde nicht versuchen, ein bisschen mehr Geld in die Lohntüte zu bekommen, wenn sich ihm die Gelegenheit böte? Bei den wenigsten von uns hat ein Streik jedoch einen so großen Effekt wie wenn Ärzte, Lokführer und Piloten die Arbeit niederlegen.

Streikt eine Reinigungskraft, stehen gleich die nächsten fünf Ersatzmitarbeiter bereit, um ihren Platz einzunehmen. Manche Streiks gehen auch schlicht unter - oder wussten Sie, dass bei Amazon seit Wochen immer wieder die Arbeit ruhen gelassen wird?

In einem der aktuelleren "Spiderman"-Filme sagt die Hauptfigur den vielzitierten Satz: "Große Macht bringt große Verantwortung mit sich" - aber selbst Peter Parker macht den Fehler, erst an sich selbst zu denken, anstatt mit dieser Verantwortung richtig umzugehen.

Auch den Lokführern sollte man keinen Vorwurf daraus machen, ihren eigenen Vorteil zu suchen. Denn wer weiß, vielleicht wollen sie mit dem bisschen mehr Geld in der Lohntüte ein Tierheim in der Region unterstützen?

Die Lohnforderungen mal beiseite, trägt dieser Arbeitskampf aber noch einen anderen, etwas komplizierten Konflikt in sich: GDL-Chef Claus Weselsky will auf Teufel komm raus durchsetzen, dass seine Gewerkschaft nicht nur die Tarifverhandlungen für die Lokführer, sondern auch für das übrige Bahnpersonal führt, und er lässt sich daher im Grunde nicht ehrlich und aufrichtig auf Verhandlungen mit der Bahn ein.

Es ist nicht richtig, dass er die Lokführer für seine Machterweiterung instrumentalisiert. Aber: Er kann es. Weil der Gesetzgeber ihn lässt.

Das nächste, was Arbeitsministerin Andrea Nahles jetzt in der Pipeline hat, ist ein Gesetz zur Tarifeinheit. Im November soll ein Gesetzesentwurf dazu vorgestellt werden. Dann soll gelten: ein Betrieb, ein Tarifvertrag. Die Regierung hofft, dass es dank größerer Gesellschaften dann weniger Streiks gibt. Wenn sie sich da mal nicht täuscht.

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Besondere Regeln für besondere Berufsgruppen

Kommentare zu " Lokführer-Streik bei der Bahn: Der Übermacht müssen Grenzen gesetzt werden"

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  • @Herr Martin Winkler

    Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Eigentlich ist die Bahn eine hochheitliche Aufgabe und gehört auch eigentlich in Staatshand. Dieser Aufgabe hat sich der Staat entledigt und die Bahn privatisiert.
    Demnächst soll noch eine AG daraus werden.

    Folgerichtig braucht man über ein Streikrecht nicht weiter diskutieren, auch wenn es manchmal ärgerlich ist.

    Schönen Tag noch.

  • Wer sich nicht organisiert, sollte nicht jammern, sondern daran etwas ändern. Darauf zu warten, dass es Andere für einen tun ist zu wenig. Einen Betriebsrat zu gründen kann der erste Schritt sein. Einfach mal anfangen Herr Ylander! Es wird auch in Ihrer Branche eine Möglichleit geben sich gewerkschaftlich zu organisieren. Das haben unsere Väter geschafft, dann können Sie es auch. Wer sich nicht organisiert ist selbst Schuld.
    Und zum Thema nur eines: Spartengewerkschaften beleben nicht das Geschäft, sie sind Ausdruck von Entsolidarisierung. Alle Gewerkschaften pro Betrieb sollten ein Interesse haben miteinander zu kooperrieren, damit in Summe mehr erreicht werden kann.

  • "Nötig sind besondere Regeln für besondere Berufsgruppen. Wenn die Lokführer streiken wollen - für welche Gewerkschaft auch immer - sollten sie verpflichtet werden, das mehrere Tage im voraus anzukündigen und die Streiks gegebenenfalls dann abzuhalten, wenn nicht gerade die Pendler betroffen sind."

    Der öffentlich Nahverkehrt wird aus öffentlichen Mitteln mitfinanziert - Lokführer im ÖPNV nehmen hier eine Sonderstellung ein - sozusagen das beste aus zwei Welten. Die Sicherheit des öffentlichen Dienstes, da ihre Arbeit öffentlich subventioniert wird und privatwirtschaftliche Tarife.

    Man kann argumentieren, dass Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes - sowie des ÖPNV - nur ein eingeschränktes Streikrecht aufgrund ihrer Sonderstellung zugestanden werden muss.

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