London
Warten auf den Retter

Die City ist angeschlagen, dabei kann Großbritannien ohne sie wirtschaftlich nicht überleben.Allerdings wird das Finanzgeschäft immer mobiler, und die Konkurrenz aus Asien holt rasant auf. Dem Marktplatz Nummer eins droht die Erosion.
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Banker haben nicht erst seit gestern ein ernstes Reputationsproblem. Das gilt selbst für so herausragende Exemplare der Gattung wie Sir Thomas Gresham. Der vermögende Kaufmann rettete 1551 den englischen König Edward den VI. vor einer der ersten Währungskrisen. Und weil Gresham ein paar Jahre später auch noch die erste Börse an der Themse gründete, gilt er seither als eine Art Schutzpatron der Londoner City.

Doch Gier siegte schon damals oft genug über Skrupel. Weil die Schafzucht mehr abwarf als der Getreideanbau, verwandelte das Finanzgenie einen großen Teil seiner Ländereien von Äckern in Weideland. Dass den arbeitslosen Bauern damals der Hungertod drohte, scheint dem Kaufmann keine schlaflosen Nächte bereitet zu haben.

Diese Ambivalenz macht das Finanzgenie des 16. Jahrhunderts zum perfekten Symbol für die heutige Lage des Londoner Finanzzentrums. Zumal Greshams Wappentier auch noch die Heuschrecke ist, das Sinnbild für gierige Banker schlechthin.

Einige Jahrhunderte nach Greshams Pioniertaten ballt sich in der Londoner City so viel Finanzmacht wie sonst nirgends in Europa und vielleicht sogar der Welt. In vielen Bereichen hat London auch den größten Konkurrenten New York hinter sich gelassen und sich als internationale Drehscheibe des Geldgeschäfts etabliert. Noch immer ist die Finanzbranche der Hoffnungsträger für die gesamte britische Wirtschaft. Auch wenn der neue konservative Premier David Cameron versucht, der lange vernachlässigten Industrie neues Leben einzuhauchen - ohne die City geht es nicht.

Allerdings hat die große Krise das Grundvertrauen in die Banken und die Banker bis ins Mark erschüttert, zum ersten Mal seit Jahrzehnten leidet der Finanzplatz London unter einem schweren Rückschlag. Eigene Fehler und die Dauerattacken von Politikern und Regulierern drohen die Wettbewerbsfähigkeit zu untergraben. Immer größer wird die Furcht vor einer Massenflucht aus der City.

Immerhin, die Tradition ist intakt: Im Vergleich zum Hausherrn des Mansion House wirkt selbst der ehrwürdige Gresham wie ein Neureicher. In dem prächtigen georgianischen Stadtpalast, direkt gegenüber der ehrwürdigen Bank of England, residiert der "Right Honourable Lord Mayor of London", ein Titel, dessen Tradition bis auf die Magna Charta aus dem Jahr 1215 zurückgeht. Das Amt hat allerdings nichts mit dem wirklichen Bürgermeister von London zu tun. Heute ist der Lord Mayor vor allem eine Art Chef-Lobbyist für die britische Finanzindustrie. Er "regiert" lediglich eine Quadratmeile im Zentrum der Hauptstadt. Aber diese Quadratmeile ist auch nach 800 Jahren entscheidend für das wirtschaftliche Wohlergehen des gesamten Königreichs.

Gleich ums Eck vom Mansion House liegt die Lombard Street. Hier siedelten sich im 13. Jahrhundert Goldschmiede aus der Lombardei an. Später war die Straße im Herzen der City das Zentrum der Geldverleiher. Hier eröffnete auch Edward Lloyd sein Kaffeehaus, in dem sich im 18. Jahrhundert Kaufleute und Seefahrer trafen, um ihre Geschäfte zu machen: die Keimzelle des Versicherungsmarkts Lloyds.

Noch bis in die achtziger Jahre hatten die meisten britischen Großbanken ihren Sitz in der Lombard Street. Doch der eigentliche Siegeszug der City als internationales Finanzzentrum begann erst nach dieser Zeit. Genauer gesagt 1986, als die Eiserne Lady Maggie Thatcher mit ihrem "Big Bang" die City erschütterte und quasi über Nacht den bis dahin abgeschotteten Finanzmarkt liberalisierte. Bis zu Thatchers Urknall konnten nur natürliche Personen Mitglieder der Börse werden und dort handeln. Diese Members schlossen sich zu Partnerschaften zusammen - ein Club mit strengen Aufnahmeregeln. Erst nach dem Big Bang durften Außenseiter wie Banken und Versicherer sich an Member-Firmen beteiligen und sie aufkaufen.

Ohne die Liberalisierung hätte London der Abstieg in die zweite Liga der Finanzplätze gedroht. Aber für die Erstligatauglichkeit zahlten die Briten einen hohen Preis. Denn der Big Bang führte zum großen Sterben der traditionsreichen Geschäftsbanken. Jahrhundertealte Namen verschwanden, die ehrwürdigen Firmen wurden einfach von agileren Konkurrenten aus dem Ausland geschluckt: Die Schweizer UBS übernahm das Traditionshaus Warburg, die Deutsche Bank schluckte Morgan Grenfell und die Dresdner Bank Kleinwort Benson. Doch der Gegenwert für den Ausverkauf kann sich sehen lassen. Immer mehr europäische Banken siedelten sich in London an, und die großen US-Geldhäuser nutzten die Insel als Sprungbrett auf den europäischen Kontinent.

Der Aufstieg der City hat die gesamte britische Volkswirtschaft umgekrempelt. Als der Siegeszug der Banker begann, galt die Insel als "kranker Mann Europas". In den 70er-Jahren lag das Bruttoinlandsprodukt noch unter dem der DDR. Streiks lähmten das Land, in manchen Fabriken liefen die Maschinen nur an drei Tagen in der Woche. Während die Wirtschaftsleistung des Königreichs in den vergangenen 20 Jahren um 65 Prozent wuchs, legte die der City um 160 Prozent zu. 2006, zum Höhepunkt des Booms, erwirtschaftete der Finanzsektor zwölf Prozent des Volkseinkommens. Heute sind es zwar nur noch acht bis neun Prozent, aber die Statistiken können sich noch immer sehen lassen. London führt im weltweiten Währungsgeschäft genauso wie im lukrativen Handel mit komplexen Finanzinstrumenten. Bei der jüngsten Zählung hatten 250 internationale Banken einen Sitz an der Themse.

Doch diese Daten können nicht verbergen, dass die Spätfolgen der Finanzkrise die City vor enorme Probleme stellen. Und diese Probleme sind nicht zyklischer, sondern struktureller Natur. Das bisherige Geschäftsmodell des Finanzplatzes London steht auf dem Prüfstand, und noch weiß keiner, ob es auch in Zukunft tragen wird.

Einer der Anziehungsfaktoren, die London vor der großen Krise attraktiv machten, war die liberale Regulierung. Während an der Wall Street Banken und Unternehmen unter den ebenso aufwendigen wie teuren Sarbanes-Oxley-Regeln ächzten, die das Weiße Haus nach Skandalen wie Enron und Worldcom auf den Weg gebracht hatte, lockte London mit seinem "light touch".

Doch die Zeiten des Laisser-faire sind auch an der Themse vorbei. Und als Mitglied der Europäischen Union muss sich London an die in Brüssel eingeschlagene härtere Gangart gewöhnen. Egal ob es um Boni, Hedge-Fonds oder Derivate geht - überall zieht die EU die Schrauben deutlich härter an, als es den Briten lieb sein kann. Dazu kommen die Attacken der heimischen Politiker, auf deren Schutz die Banker sich früher noch verlassen konnten. Bereits seit dem vergangenen Jahr denken Banken und Hedge-Fonds intensiv darüber nach, einzelne Abteilungen aus London abzuziehen. Denn da belastete die frühere Labour-Regierung die City mit einer Bonussteuer, während sie gleichzeitig den Spitzensatz der Einkommensteuer auf 50 Prozent in die Höhe schraubte. Seither haben sich die Beziehungen zwischen Regierung und City rapide verschlechtert. Vor kurzem verhängte die neue konservativ-liberale Koalition eine Sonderabgabe gegen die Geldhäuser.

Die größte Sorge bereitet den Bankern aber die von Cameron eingesetzte Kommission, die prüfen soll, ob man die großen Universalbanken zwingen müsste, ihr lukratives Investment-Banking abzuspalten. Dass soll die Institute daran hindern, zu hohe Risiken einzugehen. Vor allem der liberale Wirtschaftsminister Vince Cable lässt keinen Zweifel daran, dass er für eine Aufspaltung ist.

Offiziell halten die meisten Spitzenbanker zwar der City nach wie vor die Treue, doch hinter vorgehaltener Hand geben sie doch zu, dass London bereits viel von seiner Anziehungskraft verloren hat. Und dass es immer schwieriger wird, Talente aus Frankfurt oder Paris an die Themse zu locken. Im Gegenteil: Viele europäische Banker zieht es inzwischen in ihre Heimatländer zurück. Aber auch die britischen Banken fühlen sich offensichtlich nicht mehr so richtig wohl. Die Chefs einiger der erfolgreichsten Institute drohen unverhohlen mit Abwanderung. Zu den Wortführern der Rebellen zählen Peter Sands von Standard Chartered und Stuart Gulliver, der designierte Chef von Europas mächtigster Bank HSBC. Die beiden werfen nicht mit leeren Drohungen um sich, denn obwohl die Institute ihren Sitz in London haben, verdienen sie den Großteil ihrer Gewinne in den wachstumsstarken Schwellenländern. HSBC hat bereits einen ersten Schritt getan und den Sitz des Vorstandschefs nach Hongkong verlagert. Bei Standard Chartered prüft angeblich ein Team die Standortfrage. In der engeren Auswahl sollen sich Dubai, Hongkong und Singapur befinden.

Die Abwanderungsdrohungen beweisen, dass die City neben der harten Hand der Regulierer und dem Zorn der Politik noch mit einem dritten Problem kämpft: der scheinbar unaufhaltsamen Verschiebung der wirtschaftlichen Macht in Richtung Osten.

Der Trend in Richtung Asien lässt sich inzwischen auch mit harten Zahlen belegen. Zweimal im Jahr veröffentlicht die Londoner Beratungsgesellschaft Zyen ihren Index der Wettbewerbsfähigkeit der internationalen Finanzzentren. Auf den ersten Blick scheint die Welt für die Londoner zwar noch in Ordnung zu sein: Die aktuelle Umfrage unter Finanzprofis sieht die City nach wie vor auf dem ersten Rang, mit einem minimalen Vorsprung vor dem großen Wettbewerber New York. Doch ein zweiter Blick zeigt, dass die Konkurrenz mittlerweile aus einer ganz anderen Ecke kommt. Hongkong hat im Ranking massiv aufgeholt und liegt mit nur noch wenig Rückstand auf Platz drei. Mit Schanghai und Singapur konnten sich zwei weitere Städte aus den Emerging Markets unter den ersten fünf festsetzen.

In der Finanzbranche verschieben sich Gravitationszentren meist nur langsam. Aber sie verschieben sich, das musste auch London erfahren - in den 90er- Jahren, als die deutschen Banken den Handel mit dem Terminkontrakt auf zehnjährige Bundesanleihen nach Frankfurt zogen. Der britische Derivatemarkt Liffe verlor damals seinen Umsatzspitzenreiter und wurde einige Jahre später an die Mehrländerbörse Euronext verkauft, während die Frankfurter Terminbörse zu einem der weltweit wichtigsten Derivatemärkte aufstieg. Die Abwanderung des Bund Futures war die wohl schmerzlichste Niederlage der City seit dem Big Bang.

Ein wichtiger Vorteil ist den Briten allerdings von den schärfsten Konkurrenten in Fernost und den USA nicht zu nehmen: die geografische Lage zwischen den asiatischen und den amerikanischen Zeitzonen. Von London aus lassen sich am Morgen ohne Probleme Geschäfte mit Tokio, Hongkong und Singapur machen und am Nachmittag mit der Wall Street und Rio. Doch ob das reicht, um auf Dauer die Spitzenstellung unter den internationalen Finanzzentren zu behaupten? Die Wall Street kann auf die Rückendeckung eines gigantischen internen Kapitalmarkts vertrauen. Londons Stellung hängt dagegen am internationalen Geschäft, und das wird immer mobiler. Schon bald könnte die City einen neuen Retter wie Sir Thomas Gresham brauchen - oder noch besser eine neue Maggie Thatcher.

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