Luftfahrt
Der langsame Airline-Tod

Über die Eigenheiten des Alitalia-Personals erzählt sich die Airline-Branche skurrile Geschichten. Etwa dass ein Großteil der Beschäftigten immer mal wieder von epidemischen Erkrankungen heimgesucht wird und geschlossen der Arbeit fernbleibt – meist nach Vorlage eines neuen Sanierungsplans. Die Absurditäten des italienischen Staatsbetriebs stehen sinnbildlich für ein Auslaufmodell in Europas Luftfahrt: Die staatlich dominierte nationale Fluggesellschaft ist mit ihrem Latein am Ende.

Alitalia, Swiss, Skandinaviens SAS, die griechische Olympic und einige mehr – sie alle sind ausgezehrt von politischen Ränkespielen, die regelmäßig unternehmerische Entscheidungen verhindern. Blockiert von Gewerkschaften, die bis aufs Blut ihre Privilegien aus besseren Tagen verteidigen. Und überfordert im Bemühen, ihre Strukturen einem radikalen Wandel anzupassen. Auf den von den weit produktiveren Billigfliegern ausgelösten Kostendruck haben privatisierte Fluglinien in Europa mit schmerzlichen Einschnitten reagiert: British Airways etwa strich innerhalb von zwei Jahren 13 000 Jobs. Die Lufthansa verkündete den Abbau von 2 000 Stellen und will ihre Kosten bis Ende 2005 um 1,2 Mrd. Euro senken. Alitalia indes hat bis heute ohne jede Reaktion zugeschaut, wie im liberalisierten Flugverkehr die heimischen Monopolstrecken verloren gingen und immer mehr Kunden zur schlanker aufgestellten Konkurrenz abwanderten.

Der Tod der National-Carrier kommt zwar quälend langsam, aber er ist die logische Folge einer falschen Verkehrspolitik, die viel zu lange Rücksicht auf ihre fliegenden Statussymbole genommen hat. Alitalia wäre längst bankrott, hätte der Staat nicht mehrfach mit Finanzspritzen über insgesamt 2,3 Mrd. Euro ausgeholfen. Die Steuergelder sind mit hohem Tempo durch die Jet-Triebwerke verbrannt. Jetzt soll ein staatlich garantierter Kredit Alitalia noch einmal über den Winter helfen. Die EU hat ihr Ja-Wort zu den Subventionen erstmals an schärfere Auflagen geknüpft. Sie muss jetzt penibel darauf achten, dass der Kredit – wie gefordert – binnen zwölf Monaten getilgt ist. Wenn die Vergangenheit eines gezeigt hat, dann das: Staaten sind überaus schlechte Airline-Manager.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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