Luftfahrt
Rollentausch am Himmel

DBA-Sanierer Hans-Rudolf Wöhrl hat seit Monaten geradezu penetrant für eine innerdeutsche Airline-Hochzeit geworben, Air-Berlin-Chef Joachim Hunold ebenso hartnäckig dementiert. Dabei lag sie in der Luft, seit Wöhrl seinen baldigen Ausstieg ausplauderte und Geschäftsfreund Hunold über „strategische Zukäufe“ sinnierte.

Der leidenschaftliche, aber geschäftsmüde Hobby-Pilot Wöhrl verabschiedet sich mit dem DBA-Verkauf etappenweise aus dem Luftfahrtgeschäft. Er tut das im Wissen, die deutsche Landschaft über den Wolken verändert und an einem einigermaßen schlagkräftigen Gegenpol zu seinem Erzfeind Lufthansa mitgebaut zu haben. Zwar ist Wöhrls Strategie, neben DBA auch den trudelnden Ferienflieger LTU in dieser „Allianz der Kleinen“ unterzubringen (vorerst) gescheitert. Doch fraglos bilden Air Berlin samt Germania und DBA unter gemeinsamer Flagge ein Gespann, das der Lufthansa mit ihrer Regional-Armada sowie weiteren Ablegern wie Condor oder Germanwings gefährlicher werden kann als bisher.

Die Auslese am Himmel musste kommen und wird weitergehen, weil der europäische Markt mit seinen mehr als 50 Billigfluglinien die meisten von ihnen verbrennen viel Geld – hoffnungslos überbesetzt ist. Dabei erweckt Hunold den Eindruck, dass er die Konsolidierung als Antreiber angeht und nicht als Getriebener. Falsch ist diese Sichtweise nicht vor dem Hintergrund, dass er mit Air Berlin nun jene Hauptrolle spielt, die lange dem Reisekonzern Tui zugedacht war. Doch während die Fluglinien des Tui-Konzerns seit Jahren orientierungslos der Krise entgegen fliegen und traditionsreiche Rivalen wie LTU gar dicht vor dem finanziellen Aus stehen, hat sich Hunold zum alleinigen Lufthansa-Jäger aufgeschwungen.

Dennoch: Ungefährlich ist dieser anhaltende Steilflug nicht. Air Berlin konkurriert in einer chronisch ungesunden Industrie mit starken Branchenführern, die wie Ryanair hohe Gewinnmargen einfliegen oder wie Lufthansa in allen Wachstumsmärkten der Welt vertreten sind. Beides kann Air Berlin nicht bieten. Bei aller Größe bleibt Hunold bisher den Beweis schuldig, dass sein Flugbetrieb nicht nur Schlagzeilen bringt, sondern auch Rendite. Die DBA müsste ihm auf diesem Weg also mehr nützen als schaden, doch hat die einstige British-Airways-Tochter im abgelaufenen Geschäftsjahr wieder Verluste eingeflogen. Hunold wird aber eine kerngesunde DBA brauchen, wenn er künftig auch im Geschäftsreisemarkt mit voller Wucht auf die Lufthansa trifft. Die Preisattacken, die der Kranich-Konzern derzeit an Flughäfen wie Hamburg oder Düsseldorf reitet, sind ein zuverlässiger Vorbote für weiter sinkende Flugpreise im Land.

Was die Kunden freut, sollte Aktionäre von Lufthansa und insbesondere die von Air Berlin nachdenklich stimmen. Denn während Lufthansa in der Lage ist, die fast schon ruinöse Preisschlacht im Europaverkehr mit sehr lukrativen Langstrecken nach China oder Indien zu übertünchen, bleibt Hunold allein die Kostenseite, über die er die beim Börsengang versprochenen Gewinne realisieren muss. An den hohen Fixkosten, insbesondere den auf Rekordniveau verharrenden Kerosinpreisen, kann Air Berlin nicht drehen. Für das Personal von Air Berlin und DBA bedeutet das nichts Gutes.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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