LUXUSGÜTER
Wa(h)re Wert

Erst Moskau, dann Schanghai, demnächst Dubai – die „Millionaire Fair“, die Messe für Superreiche, expandiert. Und nicht nur an den Hotspots der Schönen und Reichen steigt die Lust auf Luxus. Auch im Konsumkummerland Deutschland.

Werktags wie samstags schwingen die Türen auf der Düsseldorfer Königsallee, der Frankfurter Goethestraße und der Münchener Maximilianstraße. Louis Vuitton, Gucci, Swarovski wachsen zweistellig, Shootingstars wie Bottega Veneta sogar fast dreistellig. Die Kundschaft ist ein buntes Völkchen – von der Tochter aus gutem Hause über den Touristen aus Fernost bis zum Lehrerehepaar. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen sich nur Superreiche und Prestigesüchtige einen Anzug von Brioni leisteten. Die Faszination der Luxusmarken hat längst breite Bevölkerungsschichten erreicht. Kein Wunder, ist die Luxusgüterindustrie doch eine der letzten Bastionen für Handarbeit und Handwerkskunst in Europa.

Drei Beispiele:Montblanc. Die im Jahr 1906 in Hamburg gegründete Manufaktur für Füllfederhalter ist heute Teil der Schweizer Luxusgütergruppe Richemont. Die Füllfedern der Marke werden bis dato in der Hansestadt und von Hand gefertigt. 51 Feinmechaniker stanzen, prägen und biegen in der schlichten Werkstatt, was die 14 oder 18 Karat hergeben. Die Taschen und Uhren der Marke, seit Mitte der 90er-Jahre ergänzen sie das Portfolio, werden in Offenbach und in Le Locle im Schweizer Jura gefertigt. Beispiel A. Lange&Söhne. Im Jahr 1845 legte Adolph Lange in Glashütte den Grundstein für die sächsische Feinuhrmacherei. Das Markenzeichen „i/SA“ – in Sachsen hergestellt – ist bis heute Programm. 400 Menschen arbeiten in Glashütte. Rund die Hälfte davon sind Kunsthandwerker, die aus bis zu 365 Einzelteilen exklusive mechanische Uhren bauen. Kunst und Handwerk haben ihren Preis – je nach Modell kostet eine Lange-Uhr zwischen 16500 und 380000 Euro. Entlassungen sind bei Lange kein Thema, eher das Gegenteil. Den Nachwuchs zieht sich die Manufaktur inzwischen selbst heran –in der im Stammhaus eingerichteten Schule.

Oder Bottega Veneta. Das legendäre Makramee der 1966 von der Familie Moltedo in Vincenza gegründeten Manufaktur für feine Lederwaren wird bis heute von Hand geflochten. Mehrere hundert Menschen arbeiten in den Werkstätten nördlich von Mailand. Und für die neue Schmuckkollektion überquerte die Marke gar die Alpen. In der „Goldstadt“ Pforzheim, in der Schmuckmanufaktur Victor Mayer, entstehen die Colliers aus geflochtenen Goldsträngen

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Die Luxusgüterhersteller wissen um ihre Einzigartigkeit und inszenieren – nach Jahren der Prunksucht und Logomanie – ihren Traditionalismus. Zweistellige Wachstumsraten und Gewinnmargen geben ihnen die nötige Ruhe. Montblanc zum Beispiel lädt in das hauseigene Museum nach Hamburg, A.Lange & Söhne will in Dresden eine gläserne Manufaktur eröffnen, und Bottega Veneta verzichtet gar auf ein Logo. Handwerkskunst und Qualität sprächen für sich. Die Rückbesinnung auf Europa und jahrhundertealte Kulturtechniken geschieht nicht aus Nächstenliebe. Die Luxusgüterindustrie trifft den Geist einer Zeit, in der nur noch ein Bruchteil aller Konsumgüter – von Lebensmitteln einmal abgesehen – in Deutschland produziert wird. Das ungute Gefühl, das viele Menschen beim Etikett „made in Bangladesh“ überkommt, nutzen sie aus.

Zur Globalisierung kommt die von dem Soziologen Hartmut Rosa beschriebene Beschleunigung hinzu. Weil der Verbraucher erschöpft ist von Trendzyklen, die rascher folgen als die Jahreszeiten, wird zeitloses Design zum Kassenschlager. Gerade für die Klassiker der Luxusmarken gibt es die längsten Wartelisten. Und einst erfolgreiche Modelle werden als limitierte Sondereditionen wieder aufgelegt. Der Anachronismus zeigt sich auch in anderen Bereichen. Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses etwa folgt diesem Grundgefühl ebenso wie der Run auf Benimmkurse. Die Traditionspflege hält auch die wichtigste Zielgruppe bei der Stange: die Asiaten. Schloss Neuschwanstein, Notre Dame oder die Mailänder Scala können die Touristen aus Fernost nicht mitnehmen – auch wenn dafür schon ernst gemeinte Angebote vorgelegt wurden. Der Koffer von Louis Vuitton hingegen kann gepackt werden, und in ihm lassen sich auch noch die Uhr von A. Lange&Söhne, der Füller von Montblanc und das Handtäschchen von Bottega Veneta heimschaffen – als Souvenirs aus dem „Alten Europa“ und der guten alten Zeit.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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