Machtkampf in der IG Metall
Kommentar: Peters, der Reformmotor

Für die IG Metall ist nun das eingetreten, was mit der Nominierung des ungleichen Führungstandems vermieden werden sollte: Die in zwei Lager gespaltene und Gewerkschaft muss ein klares Profil finden.

Zumindest über eine Ursache des Streikdesasters im Osten besteht in der IG Metall mittlerweile breiter Konsens: Man hat die Haltung der Öffentlichkeit zu dem Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche falsch eingeschätzt. Was aus der Binnensicht der Gewerkschaft erstrebenswert und machbar erschien, stieß außerhalb auf unüberwindbare Ablehnung. Geht es nach Vize Jürgen Peters und seinem Karriereziel, so wird die IG Metall auf ihrer Vorstandssitzung in dieser Woche denselben Fehler wiederholen.

Aus der Binnensicht der aufgewühlten Großorganisation mag es Gründe geben, am mühsam austarierten Personaltableau für den Gewerkschaftstag im Herbst festzuhalten. Der als weitsichtig bekannte Bezirkschef Berthold Huber – der bisher zweiter Vorsitzender hinter Peters werden soll – wäre wohl sogar fähig, eigene Karriereziele dem Gesamtinteresse unterzuordnen. Nur hängt das Schicksal der IG Metall jetzt erst recht von Außenwirkungen ab. Falls sich der Vorstand nach dem Schlagabtausch der vergangenen Tage nicht klar gegen Peters wendet, steht dieser in der Öffentlichkeit als Sieger da. Und die Verantwortung für das Streikdesaster wäre neu verteilt.

Für die IG Metall ist nun genau das eingetreten, was mit der Nominierung des ungleichen Führungstandems vermieden werden sollte: Die schon lange in zwei Lager gespaltene und doch bisher mächtigste deutsche Gewerkschaft muss ein klares Profil finden. Will sie sich für Reformoptionen öffnen? Positioniert sie sich lieber mit Peters als linke Gegenmacht? Oder lähmt sie sich selbst durch anhaltende Machtkämpfe?

Dabei ist keineswegs klar, was für den Standort Deutschland am besten wäre. Eine reformorientierte Gewerkschaft würde ebenso wie eine durch sich selbst gelähmte Organisation bei Tarifkonflikten in der Tendenz weniger aggressiv auftreten. Linke Kampforganisationen leisten hingegen schon durch ihr Selbstverständnis einen wichtigen Beitrag zur Klärung der politischen Verantwortung im Lande. Sie erheben gar keinen Anspruch auf Einbindung in einen gesamtgesellschaftlichen Konsens.

Falls die rot-grüne Bundesregierung noch immer zweifeln sollte, ob das Tarifsystem einer Neuausrichtung mittels gesetzlicher Öffnungsklauseln bedarf – eine IG Metall nach dem Bilde von Jürgen Peters könnte ihr die Entscheidung erheblich erleichtern.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%