Märkte
Unternehmen und Politiker auf der Achterbahn

Wir müssen uns auf dauerhaft höhere wirtschafliche Schwankungen einstellen. Das verlangt flexible Strategien und eine robuste Politik.
  • 0

Die deutsche Industrie sieht Licht am Ende des Tunnels: Die historische Krise scheint vorerst überwunden, die Aufträge aus dem Ausland ziehen überraschend stark an. Auch wenn niemand eine Prognose wagt, so hellt sich doch die Stimmung wieder auf. In einigen Branchen scheint die Schockstarre überwunden zu sein.

Fragt man nach den größten Befürchtungen der deutschen Unternehmen, hört man Überraschendes. Es ist weniger die Wirtschaftskrise, die in den Chefetagen Sorge bereitet. Es ist die Achterbahnfahrt an den einzelnen Märkten, die in den letzten Monaten an den Nerven gezehrt hat. Die völlige Unberechenbarkeit von Angebot und Nachfrage, von Preisen für Kredite, Rohstoffe oder Frachtraten. Es ist der Schock über eine bislang nicht gekannte Volatilität im Wirtschaftsgeschehen. Es bleibt die Befürchtung, dass diese Form der Achterbahnfahrt in Zukunft die Normalität werden könnte. Mit gravierenden Folgen für die Unternehmen und die Gesellschaft.

Schwankungen gehören zum Risiko von Unternehmen. Der Wechsel von Auf- und Abschwung verleiht der Wirtschaft Dynamik. Die Achterbahnfahrt der vergangenen vierundzwanzig Monate ist aber einzigartig in der jüngeren Geschichte. Der Ölpreis schoss in die Höhe, um ebenso rasant abzustürzen. Die Nachfrage nach Investitionsgütern lief heiß, um ein Jahr später völlig zusammenzubrechen. Der deutsche Maschinenbau ist innerhalb von fünf Jahren um 40 Prozent gewachsen, um binnen weniger Monate in der gleichen Größe wieder einzubrechen. Auf dem Höhepunkt des Booms fehlten bei dem Baumaschinenhersteller Volvo die Baggerreifen und beim Flugzeugbauer Airbus die Titannieten. Einem einzigartigen Boom in den Jahren 2005 bis 2008 folgte ein bislang nicht gekannter Absturz 2009. Berechenbarkeit sieht anders aus.

Eine Furcht geht um. Wie in der Meteorologie könnte auch die Weltwirtschaft auf ein Treibhausszenario zusteuern: Extreme Ausschläge nehmen zu. Mag sich kurzfristig die Lage beruhigen, mittelfristig müssen wir auf neue Extremsituationen gefasst sein. Weder an den Finanz- noch an den Faktormärkten hat sich strukturell etwas geändert. Es gibt zwar keine Immobilienblase mehr, die exorbitante Staatsverschuldung provoziert aber eine Blase öffentlicher Schuldverschreibungen. Die Nachfrage der Schwellenländer nach Rohstoffen, Investitions- und Konsumgütern steigt stetig weiter an. Setzt der Konjunkturaufschwung in Europa und den USA ein, sind neue, weltweite Knappheiten wahrscheinlich. Weder die Nahrungsmittel noch die Rohstoff- oder Energieproduktion stehen auf einer breiteren Basis als vor zwei Jahren. China reagiert bereits und deckt sich mit Kohle, Kupfer und seltenen Metallen ein. Die Spekulation an höchst volatilen Märkten könnte also bald wieder von vorn beginnen. Allen Beteuerungen zum Trotz sind die Kasinos der Finanzmärkte nicht geschlossen. Sie nehmen ihr Spiel wieder auf.

Extreme Schwankungen produzieren Unsicherheit. Die Unternehmen richten sich bereits jetzt auf verstärkte Volatilität ein. Was bislang noch nicht ausgelagert war, wird jetzt outgesourct. Spezialisten übernehmen Lagerhaltung, IT und Fuhrparkmanagement. Zeitarbeitsfirmen und Logistiker hängen zwar noch durch, sehen aber goldene Zeiten am Horizont. Auftragsfertiger werden noch mehr industrielle Produktionen übernehmen. Alle wissen: Nur mit erhöhter Flexibilität werden die Unternehmen in volatilen Märkten bestehen.

Der Wandel geht noch tiefer. Wer flexibel produziert, will solide finanziert sein. Kaum ein Unternehmen mag sich mehr mit volatilen Quartalsergebnissen gegenüber einem schwankenden Aktienmarkt verantworten. So hat das Modell der reinen Publikumsgesellschaft in der deutschen Autoindustrie endgültig ausgedient. Nach BMW wird auch VW-Porsche demnächst von einem Familienclan dominiert. Daimler in Stuttgart kann erst mit Hilfe arabischer Staatsfonds die Langfrist-Investitionen in das Elektroauto wagen. Mit dem bisherigen Shareholder-Value-Modell war das nicht möglich. Viel zu lange musste sich Daimler auf die Abwehr einer feindlichen Übernahme konzentrieren, während die Konkurrenz bereits in Produkte investierte.

Die Industrie richtet sich auf extremere Volatilität ein, der Politik fällt das schwer. Sie ist auf stetiges Wirtschaftswachstum angewiesen, so steht es sogar im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz. Nur ein konstanter Strom aus Abgaben und Steuern kann das wachsende Sozialsystem finanzieren, das den Einzelnen vor Volatilität schützen soll. Um Panik zu vermeiden, wird Handlungsfähigkeit inszeniert. Abwrackprämien für Autos simulieren eine nicht vorhandene Nachfrage. Konjunkturprogramme täuschen einen Staat mit vollen Taschen vor. Das ständige Ausweiten der staatlich alimentierten Kurzarbeit verhindert ein breites Durchschlagen der Volatilität auf den sensiblen Arbeitsmarkt. Mit einer Rentengarantie wird der größten Wählergruppe suggeriert, die Volatilität der Wirtschaft ginge sie nichts an.

In Deutschland sind das Reflexe vor der Wahl. Spätestens im kommenden Jahr holt die neue Volatilität die Politik ein. Dann sind die Kassen leer und Konzepte gefragt. Eine Agenda 2015 muss die Gesellschaft auf eine höhere Volatilität in der Wirtschaft einstellen und die Belastungen gerecht verteilen. Das Konzept der hemmungslosen Schuldenparty auf Kosten der nächsten Generation funktioniert dann nicht mehr, sonst regiert irgendwann die Notenpresse. Eine hohe Inflation ist aber die gefährlichste Form von Volatilität.

Kommentare zu " Märkte: Unternehmen und Politiker auf der Achterbahn"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%