Managergehälter
Kunstgriffe

Wer Vorstandsvorsitzender wird, der braucht vor allem Vermögensberater. Seine Jahresbezüge bewegen sich fortan im Millionenbereich, bestenfalls im zweistelligen. Der Chefsessel einer Aktiengesellschaft macht automatisch den Millionär.
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So weit das Vorurteil, das selbst Jean-Claude Juncker pflegt, Chef der Euro-Gruppe und Luxemburgs Premier. Tatsächlich erhält der CEO eines britischen oder deutschen Konzerns mit mehr als 1000 Mitarbeitern im Schnitt 670 000 Euro per anno. In anderen Ländern Europas ist es deutlich weniger. Das geht aus neuesten Studien der Beratungsfirma Kienbaum hervor.

Über diese Zahlen kann man nicht wirklich streiten. Gäbe es nicht das perfekt ins Bild der Kritiker passende Gehaltsniveau heimischer Dax-Konzernchefs: 5,3 Millionen Euro. Oder das Salär von geschätzt 60 Millionen Euro von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking – vor allem Resultat von Optionsgeschäften mit VW-Aktien. Oder nehmen wir Daniel Vasella. Der bestbezahlte Schweizer Manager kassiert mindestens 21 Millionen Franken – bei eher mäßigen Ergebnissen des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, den er führt.

Angeheizt wird der Streit auch durch exorbitante Abfindungen, lebenslange Versorgungsansprüche oder Aktienoptionen, die erst nach dem eigenen Abgang, wie bei Daimlers ehemaligem Chef Jürgen Schrempp, lukrativ sind. Das finden nur die Profiteure akzeptabel. Die Debatte über überzogene Managergehälter ist notwendig. Gestritten wird aber um die Ausreißer. 128 Vorstände deutscher Aktiengesellschaften erhalten mehr als eine Million Euro im Jahr für ihren Job. Reicht das, um Gesetze zu fordern oder Regeln zu verschärfen? Andererseits: Die Debatte, die in vielen europäischen Ländern mit Vehemenz geführt wird, verstummt so lange nicht, wie einige Manager nur eine Strategie kennen: die Optimierung ihres persönlichen Vermögens.

Die Pläne in Brüssel und Berlin sind bislang wenig ausgegoren. Meist wird das Thema besetzt, um daraus (wahl-)taktisches Kapital zu schlagen. Doch die Gefahr, dass einzelne Regierungen im Kurzschluss durchgreifen, darf nicht unterschätzt werden. Dabei gäbe es ein paar Kunstgriffe, der Debatte die Schärfe zu nehmen und zugleich raffgierige Manager in die Schranken zu weisen.

Grundsätzlich sollte sich der Staat darauf beschränken, Transparenz zu erzwingen. Das ist die schärfste Waffe. Schon die Offenlegung aller Gehaltsdetails inklusive Abfindungen und Pensionen wird „skandalöse Tendenzen“ im Sinne Junckers stoppen. Das zeigen die Erfahrungen in Deutschland. Fälle wie die des EnBW-Chefs Utz Claassen sind allen Aufsichtsräten eine Warnung, Verträge sorgfältiger zu prüfen.

Der Versuch, über das Steuerrecht die Höhe von Gehältern und Abfindungen zu deckeln, wird fehlschlagen. Das beweisen die USA, wo die begrenzte Abzugsfähigkeit der Gehälter als Betriebsausgaben nur ein müdes Lächeln der Manager provoziert. Gesetzliche Höchstgrenzen sind kein Thema, weil sie so massiv in die Vertragsfreiheit eingreifen. Die Alternative lautet auch hier: Transparenz erzwingen.

Das britische Modell, Verträge mit Vorständen auf der Hauptversammlung per „advisory vote“ zur Abstimmung zu stellen, weist den Weg. Wohlgemerkt: Die Aktionäre verhandeln keine Verträge. Aber stellen wir uns einmal vor, ein Aufsichtsrat vereinbart mit dem neuen Vorstandschef einen Vertrag, der von den Aktionären des Unternehmens in aller Öffentlichkeit zerrissen wird. Der Kontrolleur könnte gleich seinen eigenen Posten räumen.

Dieses Verfahren hätte den Vorzug, dass die geforderte Verlagerung der Abstimmung über Vorstandsverträge von speziellen Ausschüssen in das Aufsichtsratsplenum nicht zwingend wäre. Denn eine Blamage in der Hauptversammlung dürfte disziplinierender sein als der (typisch deutsche) Streit zwischen Arbeitnehmer- und Kapitalflügel in einer nicht-öffentlichen Aufsichtsratssitzung.

Das alles setzt allerdings umfassende Informationen darüber voraus, wie gewährte Optionsrechte wirken, unter welchen Bedingungen Übergangsgelder fällig werden und welche Höhe Abfindungen bei Rausschmiss tatsächlich erreichen. Darum muss sich aber nicht der Gesetzgeber kümmern. Das ist Aufgabe eines Corporate-Governance-Kodexes, wie ihn fast jedes europäische Land hat.

So fordert der deutsche Kodex ganz eindeutig eine Deckelung von Abfindungen auf zwei Jahresgehälter. Solche – und weitere noch notwendige – Präzisierungen helfen den Aktionären einzuschätzen, was ihre angestellten Manager im eigentlichen Sinne des Wortes „verdienen“. Schließlich ist es das Geld der Eigentümer eines Unternehmens, das raffgierige Manager verprassen, weniger das der Steuerzahler, schon gar nicht das Geld der Politiker.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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