Medien
Öffentliche Verführung

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Markus Schächter, der clevere ZDF-Intendant, hat das Publikum für seinen Auftritt gut gewählt. Ausgerechnet vor der in Berlin versammelten Riege der Zeitschriftenverleger bietet der Mainzer Anstaltschef eine Zusammenarbeit im Internet an. ARD und ZDF offerieren ihre Fernsehbilder künftig den Zeitschriften- und Zeitungsverlagen quasi gratis für deren Onlineportale.

Schächters Auftritt in der Höhle des Löwen hat eine wichtige Funktion. Er soll die Einheitsfront der Verlage aufbrechen. Hinter den Kulissen wird längst eifrig über die Offerte der reichen Retter für die Printbranche diskutiert. Das Interesse am Kooperationsangebot ist groß. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Essener WAZ-Gruppe für das konzerneigene Internetportal mit dem WDR zusammenarbeiten möchte. Auch das Nachrichtenmagazin „Spiegel“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ sollen bereits über eine kostenlose Lieferung von bunten Bildern verhandeln. Das Motiv der Zeitschriften und Zeitungen ist klar: Informationsfilme für das Internet sind teuer. Welcher Verlag greift da nicht gerne bei den kostenlosen Bildern von ARD und ZDF zu?

Doch die Offerte könnte sich als Lockruf der Sirenen entpuppen. Denn wer sich von dem betörenden Gesang anlocken lässt, wird mit seinem Schiff schnell untergehen. Seit mehr als zehn Jahren haben die Verlage die Eroberung des Internets durch ARD und ZDF scharf kritisiert. Die Onlineangebote der Anstalten, die jährlich mit über sieben Milliarden Euro vom Gebührenzahler finanziert werden, verzerren den Wettbewerb. „Wenn diese gebührenfinanzierten Angebote weiter ausgebaut werden, sind die Zeitungen, die sich durch den Markt finanzieren, wirklich bedroht“, mahnte erst kürzlich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Wird die Kritik an der ungebremsten Expansion von ARD und ZDF nun verstummen? Zumindest die öffentlich-rechtlichen Sender scheinen das zu hoffen. Ihre Absicht ist leicht zu durchschauen: Mit ihrem Gratisangebot umarmen sie Zeitschriften und Zeitungen, um die politisch gefährliche Kritik verstummen zu lassen.

Doch es gibt noch eine größere Gefahr: Durch eine Kooperation mit ARD und ZDF würden sich die Verlage auf Dauer von der Lieferung der begehrten Fernsehbilder für das Internet abhängig machen.

Noch ist die Branche gespalten. Zeitschriftenverleger und Internetunternehmer Hubert Burda hat die Gefahr erkannt und warnt. Er sieht zu Recht die Übernahme von Fernsehbildern von ARD und ZDF „mit großer Skepsis“. Denn wenn die teilweise sogar börsennotierten Medienunternehmen die mit GEZ-Gebühren bezahlten Filme auf den firmeneigenen Internetportalen veröffentlichen, geraten sie in schwieriges Fahrwasser. Handelt es sich dabei nicht um eine versteckte Beihilfe für Zeitschriften- und Zeitungsverlage? Die private Fernsehkonkurrenz ist bereits alarmiert.

RTL und Pro Sieben Sat 1 beobachten in diesen Tagen mit Argusaugen, ob die Printbranche den Lockrufen der öffentlich-rechtlichen Sirenen folgt. Sie werden eine Allianz des mit GEZ-Gebühren finanzierten Rundfunks und der Zeitschriften- und Zeitungsverlage nicht kampflos hinnehmen. Der Ruf nach einem Einschreiten Brüssels wegen Wettbewerbsverzerrung wäre bei einer Kooperation nur eine Frage der Zeit.

Die Lockrufe von ARD und ZDF sind angesichts des schwierigen Werbemarktes und der oft bröckelnden Auflagen für die Verlage verführerisch. „Bewachen Sie nicht die falsche Tür!“ rief ZDF-Chef Schächter gestern den Verlegern zu. Der Pfälzer spielte auf den amerikanischen Internetkonzern Google an, der den meist mittelständischen Unternehmen im Onlinewerbemarkt bereits fleißig das Wasser abgräbt.

Die Einschätzung der wachsenden Gefahr durch Google mag richtig sein. Doch das heißt noch lange nicht, dass die Tür von ARD und ZDF künftig unbewacht bleiben sollte. Denn die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich auf Medienkongressen gerne kleinreden, sind dabei, alle Winkel des Internets von Youtube bis Podcasting zu erobern. Die Intendanten wissen, dass die für den Rundfunk zuständigen Länder derzeit nicht den politischen Willen aufbringen, diesen Expansionsdrang zu stoppen. Mit ihren Gratisbildern wollen sie nun auch die Zeitungen und Zeitschriften von sich abhängig machen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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