Medien
Vorteil für Kirch

Ausgerechnet einen Tag nach dem spektakulären Comeback von Leo Kirch gründet sein einst talentiertester Manager Georg Kofler seine eigene Unternehmensgruppe. Der langjährige Chef des Bezahlsenders Premiere, der im Sommer überraschend den Chefsessel aufgab, will als Investor in den nächsten fünf Jahren eine halbe Milliarde in Wachstumsbranchen investieren.
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Sein Geld soll in erneuerbare Energien, Gesundheit und auch Sport (!) fließen. Von der Fernsehbranche lässt der alerte Südtiroler, der einst Pro Sieben und Premiere erfolgreich an die Börse brachte, aber die Finger. Sein ehemaliger Lehrmeister Leo Kirch hat sich für die sagenhafte Summe von knapp 3,5 Milliarden Euro für sechs Jahre die Rechte an der Fußball-Bundesliga gesichert. Kirch und Kofler schlagen beruflich höchst unterschiedliche Wege ein, und doch verbindet sie eine Erkenntnis: Die Glanzzeit der Fernsehsender ist vorbei. Bislang hatten sie – egal ob frei empfangbar oder Bezahlfernsehen – ein Quasi-Monopol. Kirch hatte dieses Businessmodell perfekt in den neunziger Jahren beherrscht. Bis zu seiner spektakulären Pleite vor fünf Jahren gehörten ihm ein halbes Dutzend Fernsehsender und Premiere, der Monopolist des Bezahlfernsehens. Doch die Zeiten haben sich durch die Digitalisierung geändert. Mit Internet, Handy, Filmabrufportalen über Kabel und selbst mit Flachbildschirmen an öffentlichen Plätzen oder in U-Bahnen gibt es heute eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, Inhalte zu verbreiten und damit Geld zu verdienen. Noch ist das Geschäft im Vergleich zur milliardenschweren Fernsehbranche klein. Doch die Umsätze der klassischen Sender stagnieren größtenteils. Hingegen wachsen die Erlöse der digitalen Angebote exponentiell.

Die selbstverliebte Fernsehbranche hat den sich vollziehenden Paradigmawechsel noch nicht verstanden, Kirch schon. Er weiß: Wer die Bundesliga besitzt, hat die gesamte Fernsehbranche im Würgegriff. Denn die Fußballspiele der 36 Profiklubs sind der wertvollste Inhalt in diesem Geschäft. Die Bilder werden aber künftig nicht nur ins Wohnzimmer übertragen, sondern auch aufs Handy, auf das Notebook, ins Büro, in die U-Bahn oder einfach in die nächste Kneipe. Die Deutsche Telekom, die sich bisher für vergleichsweise wenig Geld die Internetrechte an der Bundesliga sichern konnte, hat das Potenzial erkannt, doch bei der praktischen Umsetzung hat der Konzern bisher versagt. Die Möglichkeiten der Verwertung von Inhalten werden weiter zunehmen. Das Handy-TV ist keine Chimäre, sondern in wenigen Jahren Medienalltag. Deshalb ergibt es Sinn, sich als Rechteinhaber nicht mehr nur auf die technische Übertragung zu beschränken. Kirch will über sein neues Tochterunternehmen Sirius – benannt nach dem hellsten Stern am Firmament – den Bundesliga-Live-Fußball künftig für die jeweiligen Abnehmer selbst produzieren und dann weiterverkaufen. Das ist ein cleverer Schachzug. Denn so kann er die Ware entsprechend der wachsenden Zahl von Kunden aufteilen und am Ende mehr Geld aus der Fernseh- und Telekombranche herausholen.

Vor diesem Hintergrund ist der Preis von einer halben Milliarde Euro pro Spielzeit nicht einmal zu hoch. Denn für die fertig produzierten Fußballshows kann er von Kunden wie Premiere, ARD oder Telekom künftig deutlich mehr Geld verlangen. Die lange Laufzeit des Vertrags mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) von sechs Jahren bietet Kirch Planungssicherheit. Die enthaltene Preissteigerung haut keinen Marktteilnehmer vom Hocker. Einen ersten Verlierer im Kampf um die Inhalte gibt es bereits. Premiere steht mit dem Rücken zur Wand. Die Konzernführung hatte bis zum Schluss keine Ahnung, dass Kirch nicht nur die Rechte kauft, sondern auch die Inhalte noch selbst produziert. Das Entsetzen bei Premiere ist nun groß. Denn dem Vorstand und immer mehr Aktionären wird allmählich klar, dass Premiere zunehmend zum Spielball der Rechteinhaber wird. Noch einmal auf die Bundesliga zu verzichten kann sich das krisengeschüttelte Unternehmen aber nicht leisten. Vor zwei Jahren hatte es die Rechte an den neuen Bundesligasender Arena überraschend verloren. Das kann sich Premiere nicht noch einmal erlauben. Vorsichtshalber hatte sich der Pay-TV-Konzern daher kürzlich über eine Kapitalerhöhung fast 200 Millionen Euro besorgt. Doch reicht das Geld? Die Zukunftsängste bei Premiere wachsen, der Aktienkurs bricht weiter ein. Wenn Inhalt wieder König ist, dann wird Premiere zum Leibeigenen. Vielleicht hat der frühere Konzernchef und Großaktionär Kofler die Entwicklung geahnt und sich deshalb im Sommer so schnell von Premiere und aus der Fernsehbranche verabschiedet?

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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