Mein Kopf gehört mir
Statements aus Kulturbetrieben

Weit mehr als hundert Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich für die Aktion „Mein Kopf gehört mir“ zu Wort gemeldet. Hier Statements von Galeristen und Museumsdirektoren.
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DüsseldorfMehr als eine Million Kreative in Deutschland leben von den Einkünften, die ihnen ihre Texte, Lieder, Filme und Patente bringen. Denker, Tüftler und Dichter fordern im Handelsblatt: Auch künftig muss, wer immaterielle Werte schafft, entlohnt werden. Eine Gesellschaft, die ihre Kreativen vernachlässigt, beraubt sich der Zukunft.

Nicht auf Bäumen gewachsen

Die Forderung nach uneingeschränkter Nutzung geistigen Eigentums aus dem Internet unterliegt einem großen Missverständnis und liegt im Medium selber begründet. Die Verfügbarkeit nahezu allen Wissens, was dieses Universum bereit hält, erweckt den Eindruck, als wenn dieses auf den „Bäumen“ gewachsen wäre und nicht Ergebnis jahrelanger Arbeit ist. Besonders im gesamten kulturellen Bereich entstehen künstlerische Produktionen meist unter schwierigen finanziellen Voraussetzungen. Forderungen, dass dieses geistige Eigentum kostenlos aus dem Internet uneingeschränkt nutzbar sein soll, kann nur von Menschen kommen, die selber nicht kreativ tätig sind, den Stellenwert von Kultur für eine Gesellschaft nicht begreifen und deren Lebensunterhalt anderweitig gesichert ist. Eingeschränkte Nutzung ja, ausschließliche nein!

ANITA BECKERS, Galeristin in Frankfurt

Demokratie auch im Netz

Hinter der Forderung der Piraten-Partei nach freier Nutzung sämtlicher kreativer und gedanklicher Leistungen im Internet steckt ein doppelter Irrglaube, der in seiner Konsequenz sowohl naiv wie auch gefährlich ist. Zum einen impliziert diese Forderung, das Internet sei tatsächlich nichts als ein freier demokratischer Kommunikationsraum, und unterschlägt dabei die erheblichen Steuerungsmechanismen und Machtstrukturen, denen dieses Kommunikationsnetz unterliegt.

Zum anderen leitet die Piraten-Partei aus der vorgeblichen universalen Kommunikationsfreiheit eine Legitimation auf die unentgeltliche Nutzung aller Netzinhalte ab, die im krassen Widerspruch zum Schutz der individuellen Meinungs- und Freiheitsrechte steht. Wer in Kauf nimmt, dass das geistige Eigentum zur beliebigen Verfügungsmasse wird, darf sich nicht wundern, wenn wir statt dringend benötigter Kreativität zunehmend eine „Copy and paste“-Mentalität entwickeln.

STEPHAN BERG, Intendant des Kunstmuseums Bonn

Kultur gibt es nicht umsonst

Dieses merkwürdigerweise immer wohlige Gefühl des sich Nehmen-könnens von Dingen, die einem eigentlich zustehen würden, erforderte traditionell Physis. So war’s bei Robin Hood, so war’s bei den Piraten. Dass heute als politische Forderung - in einem analog ausgebildeten Denken - per freigestelltem Rumgeklicke die Aneignung von geistigem Eigentum schlechte Realität werden soll, ist falsch und absurd. Kultur gibt es nicht umsonst; eine vornehme Aufgabe des Staats ist, die Kultur zu schützen und zu befördern. Unabdingbar ist, dass die Urheber angemessen bezahlt werden. Schutzfristen müssen, um über die bestehende Gesetzeslage nachzudenken, wiederum unbedingt verkürzt werden, denn geistiges Eigentum ist nicht über Generationen vererbbar.

KLAUS G. FRIESE, Bundesverband Deutscher Galerie

Es bedarf einer Gegenleistung

Keiner bestreitet, dass unser gemeinsames Kulturgut jedem zugänglich sein sollte, was in Zeiten des World Wide Webs endlich weitestgehend Realität geworden ist. Nie zuvor in der Geschichte der Menscheit war es so einfach, geistig teilzuhaben an den Errungenschaften der unterschiedlichsten Kulturen der Welt - und das mit lediglich ein paar Klicks, sogar mobil. Diese fördert die globale kulturelle Demokratie, doch der demokratische Zugang zu Kulturgütern heißt nicht, dass dieser umsonst erfolgen muss. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wobei jede Leistung mit einer Gegenleistung - egal welcher Art - belohnt wird. Künstler, Autoren, Wissenschaftler und alle andere, die ihr geistiges Eigentum im Internet der Weltgemeinschaft zur Verfügung stellen, verdienen auch ihre Gegenleistung. Denn ohne Gegenleistung besteht auch weniger Motivation. Und ohne Motivation leidet auch die Qualität. Das Resultat ist logisch und nachvollziehbar: Wenn alles, was im Internet gespeichert ist, auch kostenlos der ganzen Welt zur Verfügung stehen würde, würde herzens wenig im Internet stehen. Der Schutz von geistigem Eigentum ist daher auch ein Garant für die geistige Demokratie.

GÉRARD A. GOODROW, Galerist Beck & Eggeling

Schlicht und einfach Unsinn

Die Forderung der Piratenpartei nach Freigabe kreativer Leistungen im Internet halte ich schlicht und einfach für Unsinn! Das wäre der Einstieg in den Ausstieg aus dem Urheberrecht und würde den freischaffenden Künstlern gleich welcher Sparten erheblichen Schaden zufügen. Das © ist keine Fessel, sondern Schutz!

RUDOLF KICKEN, Fotografie-Händler

Kommentare zu " Mein Kopf gehört mir: Statements aus Kulturbetrieben"

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  • Ach, Sie doppelter oder dreifacher Brentano, Sie haben ja keine Ahnung. Ich hege keinerlei Sympathien für Medienkonzerne, die ihre eigene Autoren nicht wertschätzen. Auch ist Devotismus eine Krankheit, für die ich nicht anfällig bin. Zum Glück gibt es aber noch ein paar Verlage, die ihre Urheber fair behandeln (aber keine solchen mit zweifelhaften Kronzeugen gespickten PR-Beilagen produzieren). Die Welt ist eben nicht so schwarzweiß, dass sie sich in Ihre simplen Denkstrukturen einpassen ließe.

  • Wir entern die Schiffe der Piraten! Wie einfältig die Forderung ist, wissen die klugen Piraten genau, sie haben sich sicher bei Daniela Katzenberger erkundigt - aber sie rütteln auf und bringen eine fällige Diskussion in Gang, nämlich über die Frage: Ist das Urheberrecht in seiner jetzigen Form noch adäquat. Eine Frage, die alle Kreativen - egal, auf welcher Seite des Tisches sie sitzen - interessiert.
    Anne Rüffer, Verlegerin rüeffer&rub Sachbuchverlag, Römerhof Verlag, Edition Alpenblick, Zürich

  • @ UJF99

    die anderen anonymen Benützer hier permanent im erfürchtigen Dienste der Oberschicht zu verhöhnen, macht es auch nicht besser. Ich teile eher die Argumente derer, die sie só massiv und verbissen "bekämpfen", als ihren herbeigetragenen und untertänig devoten, staatstreuen, rechtmässigen "Verwertungsunsinn" (wer hat diese Rechtsnormen denn erlassen aud die sie sich wacker berufen: ein mündiges Volk in basisdemokratischer Abstimmung darüber?) ,

    Gott zum Gruße

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