Mein Kopf gehört mir: Statements von Künstlern

Mein Kopf gehört mir
Statements von Künstlern

Weit mehr als hundert Vertreter aus Kunst, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich für die Aktion „Mein Kopf gehört mir“ zu Wort gemeldet. Hier Statements von Autoren und Schriftstellern.
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DüsseldorfMehr als eine Million Kreative in Deutschland leben von den Einkünften, die ihnen ihre Texte, Lieder, Filme und Patente bringen. Denker, Tüftler und Dichter fordern im Handelsblatt: Auch künftig muss, wer immaterielle Werte schafft, entlohnt werden. Eine Gesellschaft, die ihre Kreativen vernachlässigt, beraubt sich der Zukunft.

Jeder Mensch hat das Recht, selbst über seine Ideen zu entscheiden

Ja, mein Kopf gehört mir! Deswegen bin ich absolut der Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat, selbst zu entscheiden, welche Ideen, mit denen er schwanger geht, er abtreibt und welche er austragen möchte. Bei allem ängstlichen Respekt vor den Piraten dieser Welt wüsste ich allerdings auch nicht, was sie dagegen unternehmen könnten. Ansonsten erscheint mir der Begriff des geistigen Eigentums ein unscharfer Kampfbegriff, da es in der Auseinandersetzung in erster Linie um handfeste Interessen im Kampf um Nutzungs- und Verwertungsrechte geht. Natürlich frage ich mich, inwiefern es "nichtkommerziell" ist, sich etwas umsonst zu besorgen, was eigentlich Geld kostet. Trotzdem möchte ich niemanden hinter Gittern sehen, der nur deshalb zum Verbrecher wurde, weil er etwas von mir lesen wollte, ohne dafür zu bezahlen. Das bitte nicht!

FLORIAN BECKERHOFF, Autor

Kreative Leistungen sind kein Strandgut der Ökonomie

Der Schutz von geistigen und kreativen Leistungen steht nicht zur freien Disposition politischer Parteien oder uns selbst, sie sind kein Strandgut der Ökonomie, auch nicht für 'Piraten' mit ihren Irrlichtern. Der Schutz geistiger Leistung hat Grundrechtsrang sagt das Verfassungsgericht in ständiger Rechtsprechung. Man kann ihn genauso wenig rechtlich beseitigen, wie den Schutz materiellen Eigentums. Noch nicht einmal mit verfassungsändernder Mehrheit. Die Forderungen nach Enteignung der Künstler ist deswegen ebenso politischer Unfug und genauso verfassungswidrig wie es beispielsweise eine Forderung nach Abschaffung der informationellen Selbstbestimmung wäre, das verfassungsrechtliche Grundkonstrukt der Netzfreiheit.

FRED BREINERSDORFER, Drehbuchautor, u. a. „Sophie Scholl – die letzten Tage“

Unterhaltungsindustrie ist echte Knochenarbeit

Komponieren und Texten sind eine verdammt schwierige Sache. Ich habe 320 Titel geschrieben und komponiert, für uns und für andere Künstler. Das ist ein knallhartes Geschäft. Ich habe teilweise 14 Tage an Textzeilen gesessen und am nächsten Tag wieder alles weggeworfen. Mein erster Text den ich geschrieben habe, 1972, war „Der Hund von Baskerville“. Ein Flop als es rauskam, aber 25 Jahre, später ein Kulthit. Die Unterhaltungsindustrie ist echte Knochenarbeit, sich auf die großen Bühnen zu arbeiten. Ein Weg mit wahnsinnigen Höhen und Tiefen. Es ist die höchste Kunst, ein ganzes Publikum auf seine Seite zu ziehen. Das muss auch bezahlt und geschützt werden.

NORBERT BERGER, Musiker vom Schlagerduo Cindy & Bert

Wir brauchen eine Kontrollinstanz

Das Thema Urheberrecht muss differenziert betrachtet werden! Natürlich wünsche ich mir in Zeiten schwindender Gema- und GVL-Ausschüttungen eine klare Kontrollinstanz im Netz.

Trotzdem finde ich es albern, im rein privaten Bereich, zum Beispiel auf Facebook oder an Freunde, keine Videos meiner Lieblingsbands senden zu dürfen, ohne eine Zensur mit der Meldung: „Dieses Video ist in deinem Land nicht verfügbar“ aufgedrängt zu bekommen. Da wünsche ich mir die guten alten Zeiten der Mixtapes zurück. Ich bin ebenso überzeugter Gegner von ACTA, da ich nicht glaube, dass es hier um die Rechte des einzelnen Künstlers geht, sondern um Kontrolle!

NADESHDA BRENNICKE, Schauspielerin

Piraten bedrohen meine Existenz

Ich mag Piraten - wirklich! Wilde Kerle und verwegene Freibeuterinnen entzünden meine schriftstellerische Fantasie. Die Forderung der Piratenpartei nach einer Reform des Urheberrechts bedroht jedoch meine berufliche Existenz. „All for free“, das heißt für mich: Meine schriftstellerische Arbeit ist dem Untergang geweiht. Deshalb: Mein Kopf gehört mir, aber ich teile meine Gedanken gern. Lasst uns miteinander und nicht nur übereinander reden!

KATRIN BURSEG, Autorin

Joachim H. Faust, Jan Fleischhauer, Andreas Föhr, Julia Franck, Julia Friedrichs

Das Urheberrecht ist die Basis aller kreativen Berufe

Das Urheberrecht ist die Basis aller kreativen Berufe, so auch der Architekten. Im Ausland mussten wir bei Wettbewerbsverfahren leider oftmals feststellen, dass das geistige Eigentum dort nicht gewürdigt sondern kopiert wird. Der Wert unserer Arbeit wird zu einem Großteil durch die kreative Idee bestimmt, die nicht nur singuläres Moment ist, sondern insbesondere Resultat eines Prozesses ist,  in den viele Erfahrungswerte einfließen. Der Schutz geistigen Eigentums darf daher keinesfalls aufgegeben werden.

JOACHIM H. FAUST, Dipl.-Ing. Architekt, Geschäftsführender Gesellschafter HPP Architekten

Andauernder Wert-Verlust

Mit dem Sozialismus im Netz, wie ihn die Piraten propagieren, verhält es sich wie mit allen Wirtschaftsexperimenten dieser Art: Entweder man findet genug Leute, die sich auch noch anstrengen, wenn vor allem andere davon profitieren. Oder es gibt bald nicht mehr viel, was es wert ist, dass man es umsonst unters Volk bringt. Die Piraten wollen uns weismachen, dass in der digitalen Welt andere ökonomische Gesetze gelten. Mich erinnert das an den Beginn der Dotcom-Blase, als die Geschwindigkeit, mit der ein Unternehmen sein Geld verbrannte, zum Beweis seiner Stärke wurde. Wir wissen auch, wie das ausgegangen ist.

JAN FLEISCHHAUER, Journalist

Zurück ins Mittelalter

Für eine Partei, die sich den Kampf gegen Korruption auf die Fahnen geschrieben hat, ist es schon erstaunlich, dass sie mit dem erklärten Ziel antritt, ihrer eigenen Klientel auf Kosten anderer und der Allgemeinheit materielle Vorteile zuzuschanzen. Was die Piraten vorhaben, würde den Schutz geistiger Arbeit auf den Stand im Mittelalter zurückversetzen. Und das Ironische an der Sache ist: Ohne den Schutz geistigen Eigentums gäbe es wahrscheinlich weder Computer noch Internet, aber das scheint bei den Piraten keinen zu interessieren.

ANDREAS FÖHR, Roman- und Drehbuchautor

Moderner Kolonialismus

Ohne die Wertschätzung geistiger Schöpfungskraft hätten sich die europäischen Kulturen nicht in der Weise entwickeln können, wie sie es in den vergangenen Jahrhunderten konnten. Natürlich ist fraglich, ob ein Urheberrecht und dessen Verankerung allein über das Wohl der schönen Künste, der technischen Entwicklungen entscheidet. Aber es erscheint doch als offensichtlicher Irrglaube, wenn im Internet vor allem ein großes Bildungsforum vermutet wird, das demokratisch für alle zugänglich Freiheit erteilt, indem geistige und künstlerische Errungenschaften für den Privatgebrauch hier kostenlos runtergeladen werden. Der Urheberanspruch globaler Unternehmen wie Google, Apple, Amazon etc. auf Domains, Algorithmen (Straße und Gebiet des Weltmarktes) blüht unterdessen. Der Händler erhält alles, der Erzeuger nichts, das ist das Prinzip eines modernen Kolonialismus.

JULIA FRANCK, Bestseller-Autorin

Einfach dämlich

Die Ideen anderer zu klauen, also zum Beispiel Musik und Filme illegal herunterzuladen, ist so das Dämlichste, was ich mir vorstellen kann. Wie kurzsichtig ist es, sich zu weigern, für die Leistung eines Regisseurs, eines Komponisten, eines Autors zu zahlen? Dass man dadurch dessen Lebensgrundlage kappt, dürfte sich selbst Nerds erschließen.

JULIA FRIEDRICHS, Schriftstellerin

Maria Furtwängler, Alena Gerber, Pater Anselm Grün, Gaby Hauptmann, Helge Hesse

Geben UND Nehmen

Ich bin gegen den Diebstahl geistigen Eigentums. Kreativität muss gut geschützt werden. Denn wenn im Internet die Kreativen leer ausgehen und vor allem nur die Plattformen von der Verteilung kreativer Leistung profitieren, gerät die Balance des Tauschgeschäftes von gegenseitigem Geben und Nehmen in eine bedrohliche Schieflage.

MARIA FURTWÄNGLER, Schauspielerin

Nicht im Interesse der Konsumenten

Nur wenn auch künftig weiterhin Modelle existieren, die das Urheberrecht schützen, kann das Überleben von Künstlern und Kreativen weiter sichergestellt werden. Neue Medien wie das Internet sollen das Suchen und Finden von relevanten Inhalten erleichtern und beschleunigen, aber keine Verstöße gegen Urheberrechte begünstigen. Dabei sollte auch weiterhin zwischen frei zugänglichen Inhalten und urheberrechtlich geschützten unterschieden werden. Das geistige Eigentum muss geschützt werden, damit der Urheber Einnahmen erzielen kann. Denn dadurch wird eben auch sichergestellt, dass weitere neue Ideen, Inhalte, Innovationen entstehen. Die Forderung der Piraten würde dagegen dazu führen, dass sich die Urheber komplett aus dem Geschäft zurückziehen. Das kann nicht im Interesse der Konsumenten sein.

ALENA GERBER, deutsches Model und Schauspielerin

Eine De-Kultivierung der Sprache

Ohne Erfindungen kann eine Firma nicht überleben, kann eine Wirtschaft nicht florieren. Ohne geistige Erfindungen oder besser gesagt: Schöpfungen wie Gedichte, Romane, Sachbücher kommt unser Denken nicht voran. Ohne Schutz des geistigen Eigentums würde es ein Chaos der Gedanken geben. Jeder würde beim andern abschreiben. Und zuletzt wäre nicht mehr klar, wie die Gedanken zu verstehen sind. Denn die Gedanken jedes Schriftstellers, Philosophen, Theologen, sind immer im Ganzen seiner geistigen Welt zu sehen und zu verstehen.

Die Forderungen der Piraten-Partei in Sachen Urheberrecht würden nicht zu einer Intensivierung des Denkens und Forschens führen, sondern zu einer Nivellierung des Denkens und zu einer De-Kultivierung der Sprache.

PATER ANSELM GRÜN, erfolgreichster deutscher Buchautor mit mehr als 17 Millionen verkauften Büchern

Bald ohne Schriftsteller?

Es scheint so zu sein, dass sich die Piraten vor allem aus Leuten zusammensetzen, die sich der Tragweite ihrer Forderungen nicht bewusst sind. Keine Schriftsteller mehr, weil sie an ihrem Werk nichts verdienen? Keine Musiker mehr, weil sie hemmungslos heruntergeladen werden? Filmemacher, Dramaturgen, Komponisten, Texter …, wenn man einem Piraten sein Schiff wegnimmt, ist das Diebstahl. Vielleicht sollte man das tun, damit sie kapieren, worum es da eigentlich geht.

GABY HAUPTMANN, Autorin

Zerstörung der Wirtschaft

Das Recht auf Eigentum und damit das Urheberrecht als Schutz des Ergebnisses geistiger Arbeit gehören zu den Grundrechten. So sollte es bleiben. Wird das Urheberrecht ausgehöhlt oder aufgegeben, entziehen wir nicht nur den Verlagen und Sendern als Verwertern dieser Rechte die Existenzgrundlage, sondern vor allem den Urhebern selbst, den Autoren und Künstlern. Es ist das Urheber- und Nutzungsrecht, das die Zusammenarbeit von Urhebern und Verwertern erst ermöglicht und damit Autoren Geld für ihre Arbeit sichert. Es ist das Urheberrecht, das ein Werk davor schützt, entstellt zu werden, und das verhindert, dass andere aus der Arbeit eines Autors Kapital schlagen, ohne ihn dafür zu bezahlen. Mit der Aushöhlung des Urheberrechts etwa durch freie Nutzung sämtlicher kreativer und gedanklicher Leistungen riskieren wir die Zerstörung der Medienwirtschaft, wie es sie heute gibt.

HELGE HESSE, Autor

Michal Hvorecký, Christoph Ingenhoven, Jette Joop, Gisa Klönne, Brigitte Kronauer

Ich bin für File-Sharing

Ich lebe und schreibe in der Slowakei, wo es kein einziges Literaturhaus gibt und wo die Lesungen nicht bezahlt werden – eine Arbeitssituation, die sich ein publizierter freier deutscher Schriftsteller, gewöhnt an den subventionierten Literaturbetrieb, kaum noch vorstellen kann. Ich habe herausgefunden, dass zwei meiner Hörbücher als mp3 und drei Romane im E-Book Format bereits illegal im Netz zum Herunterladen stehen. Statt meine „Rechte“ zu verteidigen, stellte ich einige meiner Werke kostenlos im Internet zur Verfügung. 

Ich wünsche mir, dass das File-Sharing mit den Texten stattfindet. Die meisten Leser haben meine elektronischen Bücher als Lockmittel, nicht als Ersatz für die gedruckten betrachtet. Ich glaube nicht, dass das E- Book meine Arbeit im copyrightversessenen Literaturbetrieb ernsthaft gefährden oder meine gedruckten Bücher aus dem Buchmarkt verdrängen könnte, und falls es doch so weit kommt, bin ich dann hoffentlich in einer besseren Ausgangsposition.

MICHAL HVORECKÝ, slowakischer Schriftsteller und Journalist, der gerade seinen dritten Roman "Tod auf der Donau" veröffentlicht hat

Unsere Ideen sind unser Kapital

Was hat Europa der Welt noch zu verkaufen, wenn jeder unsere Ideen umsonst benutzen darf?

CHRISTOPH INGENHOVEN, Architekt

Geistige Arbeit schafft Werte

Die Gestaltung eines Produktes ist ein langer Prozess, weit bevor das jeweilige Werk haptisch wird. Diese substanzielle Auseinandersetzung mit einer konkreten Aufgabe im Prozess der Erschaffung ist für mich Arbeit und schafft bereits einen Wert. Wenn ich von meinen Ideen nicht leben kann, warum soll ich sie dann entwickeln? Kann ich mein Design nicht schützen, wird meine Gestaltung zum Hobby. Als Urheber übernehme ich für meine Leistung auch die Verantwortung. Ich betrachte die Fantasie des Künstlers und das imaginäre Vermögen des Forschers als wertvolles und schützenswürdiges Eigentum.

JETTE JOOP, Designerin und Unternehmerin

Bäcker verschenken ihre Brötchen auch nicht

Eigentlich ist das bislang ziemlich fair: Je mehr Menschen meine Romane lesen wollen, desto mehr Geld verdiene ich. Und weil nicht nur mein aktuellstes Buch, sondern auch die früheren immer neue Leser finden, kann ich seit etlichen Jahren sagen, dass ich nur und ausschließlich Schriftstellerin bin. Ich lebe aber wohlgemerkt nicht vom Schreiben oder von meinen schönen Ideen, sondern vom Verkauf meiner Bücher. Genau so, wie – sagen wir mal - ein Bäcker auch nicht davon lebt, dass er sich Rezepte ausdenkt und leckere Brötchen backt, sondern davon, dass seine Kunden ihm vor deren Verzehr etwas dafür bezahlen.

Nun käme wohl nicht einmal die Piratenpartei auf die Idee, im Namen der Freiheit zu fordern, die deutschen Bäcker sollten ihre Brötchen in Zukunft verschenken und sich das Backen doch einfach vom Staat sponsern zu lassen. Wohl aber sind sie dreist genug, mir als Autorin das Besitzrecht an meinen Werken absprechen zu wollen. Hallo? Geht’s noch? Freiheit bedeutet ja wohl nicht, anderen ihr geistiges Eigentum und somit die Existenzgrundlage zu klauen. Das ist nicht Freiheit - sondern Kannibalismus! Ich kann nur hoffen, dass die Kulturpolitiker der etablierten Parteien vor lauter Angst vor der Webgemeinde nicht einknicken. Gäbe es nämlich kein Urheberrecht mehr, könnte ich keine Bücher mehr schreiben. Und weil das nicht nur mir so geht, schließen sich aktuell hunderte meiner Kollegen zu einer Pro-Urheberrechts-Bewegung zusammen. Nachzulesen unter: www.ja-zum-urheberrecht.de. PS: Logo und Name der Piratenpartei sind übrigens beim Patentamt angemeldet. Warum eigentlich, wenn es doch laut Parteiprogramm gar kein geistiges Eigentum geben soll?

GISA KLÖNNE, Autorin

Altes Elend

Es ist das alte Elend: Immer haben die Parteien, mit denen ich ansonsten sympathisiere, keine Ahnung von Kultur.

BRIGITTE KRONAUER, Schriftsteller

Tobias Künzel, Thomas Letocha, Marcus Loeber, Markus Lüpertz, Birgit Lutz

Arbeit, nicht Hobby

Wenn professionelle Kreativität nur noch darin bestehen soll, die besten Mittel und Wege zu finden, kostenlos an die Ideen anderer zu kommen, oder auf der anderen Seite irgendwie sein geistiges Eigentum vor Kriminellen zu schützen, könnte ich meine eigentliche Arbeit in Zukunft also nur noch als Hobby betreiben, da ich ja die meiste Zeit damit beschäftigt sein würde aufzupassen, dass mir keiner meine Ideen klaut. Wem nützt das?

Und sind die echten „Piraten“ nun eigentlich die lustigen Freibeuter aus dem Hollywood-Film oder doch eher die Leute, die vor der Küste Somalias rauben und morden? Ich kann ja mal bei Google nachfragen.

TOBIAS KÜNZEL, Frontmann der „Prinzen“ und Komponist

Spuren erhalten

Sollte es wirklich Menschen geben, die in einer Welt ohne die Spuren von Miles Davis, Günther Grass, Woody Allen, Nick Hornby, Annett Louisan, Gaby Hauptmann, Dieter Hildebrandt, Diana Krall oder vielen anderen leben wollen? Ich nicht!

THOMAS LETOCHA, Autor und Drehbuchautor

Gegen Enteignung

Nach dem Grundgesetz ist das geistige Eigentum genau so geschützt wie das materielle Eigentum. Es ist ein Besitzrecht und über dieses kann der Kreative allein verfügen. Es kann ferner vererbt werden. Beim geistigen Eigentum ist dann der Rechtsnachfolger der neue Eigentümer. Auch sein ganzes Leben soll er das Erbe auswerten können. Daher kommt die 70-Jahre-Regelung. Die Abschaffung der Schutzfrist beim geistigen Eigentum käme einer Enteignung der Nachfahren jedes Urhebers gleich. Die Idee hat nichts mit geistigem Eigentum zu tun! Nicht jede Idee ist schutzfähig. Sie muss die Schöpfungshöhe erreichen, sonst würde das eintreten, was besonders von der Piratenpartei an der falschen Stelle beanstandet wird: Die Vernichtung der kulturellen Weiterentwicklung. Geistiges Eigentum entsteht erst, wenn eine gewisse Hürde von Anforderungen überwunden ist. Die Gesetze stellen deutliche Ansprüche an das Entstehen dieses Anspruchs. Nicht jede kleine Idee ist daher zwingend schutzfähig. Einem Urheber seine Rechte auf Vergütung zu nehmen ist zu vergleichen mit dem Haus- Erbauer, dem es verboten wird, sein Haus ein Leben lang zu vermieten. Nein, er soll es sogar kostenlos vermieten! Die Abschaffung der Schutzfristen oder andere signifikante Änderungen im Bereich des geistigen Eigentums könnten System- relevante Effekte für die die Wirtschaftsordnung hervorrufen, da es in diesem Bereich auch die Marken- und  Patentrechte gibt. Niemand wird dazu gezwungen, für die Nutzung seines geistigen Eigentums Geld zu verlangen. Wer seine Kreativität unbedingt verschenken will, der soll es gern tun. Allerdings darf man vermuten, dass es sich da nicht um Kreative handelt, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Alle anderen sind durch die Gesetze davor geschützt, ihr Eigentum verschenken zu müssen! Die "Umsonst - Kultur " ist das zwangsläufige Resultat unüberlegter Entwicklungen im EDV- Markt. Die Büchse der Pandora wurde spätestens mit der freien Verfügbarkeit von MP3 geöffnet. Diese Büchse kann man bekanntlich nicht wieder verschließen.

MARCUS LOEBER, Komponist, Produzent und Pianist

Welche Schreihälse

Es ist kein Wunder, dass man versucht, mit diesen lieblosen Maschinen die Indiskretion zu legalisieren. Ist Befreiung hier ein Versuch, die Eigenverantwortung auf ein beliebiges, demokratisches Miteinander abzuwälzen ? Dieses geforderte Recht auf totalen Zugang schafft die Frage ab, vernichtet Geheimnisse und lässt dunkele Ahnungen verblöden. Man kann sich nur wünschen, dass diese Schreihälse sich selbst vergessen.

MARKUS LÜPERTZ, Künstler

Eine Welt der Umsonstkultur ist arm

Der möglichst freie Zugang zu Wissen ist zweifelsohne einer der größten Nutzen des Internets. Dieser Nutzen beginnt sich aber ins Gegenteil zu verkehren, wenn nun diejenigen benachteiligt werden, die die "Inhalte" produzieren. Musiker, Fotografen, Schriftsteller leben vom Verkauf ihrer Werke. Es wird eine arme Welt sein, in der die einzig übrig gebliebene Kultur die Umsonstkultur ist.

BIRGIT LUTZ, Buchautorin und Arktisexpertin

Leslie Mandoki, Ingrid Müller-Münch, Carolin Otto, Franka Potente, Moritz Rinke

Der Popanz von der Freiheit

Es muss auf jeden Fall verhindert werden, dass die von der Piratenpartei propagierte „Freiheit im Netz“ von Nichtdenkern und Pseudoprogressiven zu einem neuen Freiheitsgrundrecht stilisiert wird. Was für ein Missverhältnis, wenn die eigentlich Kreativen leer ausgehen, während die Betreiber der Internetplattformen Millionen an der Nutzung ihrer Werke verdienen. Ich finde es höchst bedenklich, dass eine Partei wie die Piratenpartei mit der Forderung nach einer freien Nutzung sämtlicher kreativer Leistungen im Internet Wähler gewinnen kann.

LESLIE MANDOKI, Musikproduzent

Um die Zukunft der Gesellschaft würde es erbärmlich aussehen

Ein Schreiner, der einen Stuhl herstellt; ein Architekt, der ein Gebäude plant; ein Gärtner, der Beete und Rasen pflegt; ein Ingenieur, der einen neuartigen Automotor entwirft  – sie alle investieren hierfür Zeit, Ideen und Kraft. Mit ihrer Arbeit verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt. Genauso handhaben dies Autoren, Schriftsteller, Musiker, Künstler. Wenn sie mit dem, was sie erschaffen, erschreiben, ermalen, erdichten und komponieren zukünftig kein Geld mehr verdienen, weil ihre Werke frei zugänglich im Internet herumfloaten – dann gnade ihnen Gott. Und um die Zukunft einer Gesellschaft, die die Schaffer geistiger Güter nicht mehr honoriert, wird es erbärmlich aussehen. So sehr mir die unkonventionelle Art der Piraten, ihr ungezwungener Umgang mit dem Politestablishment zusagt, so sehr bedaure ich es, dass sie sich an diesem Punkt schlichtweg verrennen. Hier haben sie eine Idee in die Welt gesetzt, die sich als Rohrkrepierer entpuppt.

INGRID MÜLLER-MÜNCH, Autorin von „Die geprügelte Generation – Rohrstock, Kochlöffel und die Folgen“

Deutschland kann es sich nicht leisten, seine Urheber in die Hobbyisierung zu treiben

Jeder Mensch ist ein Künstler“, behauptete Beuys vor vierzig Jahren. Heute will ihm das jeder halbwegs ambitionierte User nachmachen und auch gern Künstler und Urheber sein, das zeigen die teilweise neidvollen und heftigen Reaktionen auf den Offenen Brief der 51 Tatortautoren. Die Reaktionen zeigen aber vor allem, dass die Leute keine Ahnung haben, wie Urheber, die von ihren Werken leben – also Autoren, Musiker, Regisseure oder andere Künstler – ihr Geld verdienen. Nämlich ohne feste Anstellung und Sozialversicherung,  als freie Unternehmer, die jeden Job neu aquirieren müssen. Als Profis in einem freien und oft mehr als harten Markt. Ich habe mein Handwerk gelernt und verstehe mein Werk, das Drehbuch, als Initialzündung für eine ganze Industrie. Wenn Verwerter mit meinem Werk Geld verdienen, will ich beteiligt werden. Internetplattformen ohne Inhalt gibt es nicht. Wenn also google, youtube oder Facebook mit dem von mir oder anderen geschaffenen Inhalten Geld verdienen, müssen wir Urheber beteiligt werden. Für die Abschaffung des Urheberrechts ist nur der Urheber, der nicht von seinen Werken lebt. Deutschland kann es sich nicht leisten, den Großteil seiner Urheber in die Hobbyisierung zu treiben. Dann wird bald auch die deutsche Kultur und das Wissen in unserem Land nur noch ein Hobby sein. Jeder Mensch ist ein Künstler, aber nur ein Bruchteil lebt davon.

CAROLIN OTTO, Drehbuch-Autorin

Ohne Urheberrechte keine Qualität

Auch im Youtube-Zeitalter gilt: ohne Urheberrechte gibt es in Film und Fernsehen keine Qualität. Deshalb sind sie unverzichtbar.

FRANKA POTENTE, Schauspielerin

Dann lieber Enteignung!

Ich schreibe an Romanen, damit sie in den Buchläden liegen und am Ende kommen die Piraten? Nichts gegen neue Demokraten, aber Systemadministratoren, die in Parlamenten an der Enteignung meines geistigen Eigentums arbeiten? Dann lieber die Enteignung durch Merkels Hebelwirkung beim Rettungsschirm!

MORITZ RINKE, Autor

Ulrich Schacht, Frauke Scheunemann, Rayk Wieland, Thomas Weymar, Juli Zeh

Asoziales Piraten-Kollektiv

Die Piraten als politische Bewegung sind nicht das erste asoziale Kollektiv, das die Geschichte kennt. Ihr Versuch, sich mit dem positiv besetzten Begriff der Schwarmintelligenz zu legitimieren, ist klassische Demagogie, denn auf dem Feld des geistigen Eigentums, und nicht nur dort, favorisieren sie keine Verteidigungs-, sondern eine pure Raubzugsphilosophie. Ihr Verhalten muss man deshalb als Dschingiskanisierung des Politischen wie Sozialen begreifen. Der demokratisch legitimierte Rechtsstaat ist darum aufgefordert, nichts anderes zu tun, als hier die Anerkennung des Rechts auf geistiges Eigentum rigoros zu erzwingen. Für einen Schriftsteller, der von den Früchten eben dieses Eigentums lebt, versteht sich eine solche Position von selbst.

ULRICH SCHACHT, Schriftsteller

Piraten stützen Leute ohne Ideen

Das Credo der Piraten, dass Ideen nicht einer Person gehören können, ist eine gute Nachricht für Menschen, die schlicht keine eigenen Ideen haben. Für alle anderen ist es eine sehr schlechte.

FRAUKE SCHEUNEMANN, Autorin

Bigotter Quatsch

Ich bin sehr für eine Umsonstkultur, aber bitte überall: Beim Konsumieren, Wohnen, Reisen, Bauen, Bildung und meinetwegen auch bei Cigarren. Solange das nicht der Fall ist, bleibt die Idee der Umverteilung reine Piraterie und, so leid's mir tut, bigotter Quatsch.

RAYK WIELAND, Schriftsteller und Satiriker

Diebstahl am Geist

Kostenlose Inhalte  ist Diebstahl am Geist. Deshalb brauchen wir den Schutz des geistigen Eigentums.

THOMAS WEYMAR, Filmkaufmann und Chef von Global Screen

Aufs Schärfste verurteilen

„Wenn die Forderung der Piraten tatsächlich lauten würde: „Alles umsonst für alle“, müsste man dem aufs Schärfste entgegentreten. Natürlich kann es nicht darum gehen, Künstlern und Kulturschaffenden die Existenzgrundlage zu entziehen. Vielmehr muss Ziel des Spiels sein, das Urheberrecht beziehungsweise die Regelung seiner Verwertung an die neuen technischen Bedingungen anzupassen. Ich hoffe sehr, dass die Piraten – wie andere Akteure auch – bemüht sind, in diesem Sinn einen Interessenausgleich zu erarbeiten. In der aktuellen Debatte wird häufig an den Problemen vorbeigeredet.“

JULI ZEH, Schriftstellerin und Juristin

Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales

Kommentare zu " Mein Kopf gehört mir: Statements von Künstlern"

Alle Kommentare

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  • Wenn Sie die "Kreativen" in Anführungszeichen schreiben, so als sei deren Arbeit nur mit einem übertrieben hohem Maß an aufzubringendem Altruismus überhaupt erwähnenswert, scheint da schon ein gewissen Maß an Verachtung durch. Ohne jetzt darauf eingehen zu wollen, welches Studium härter ist, das eines Ingenieurs oder das eines Musikers zum Beispiel würde ich gerne Ihre Vermutung aufgreifen, dass irgendeine Riege der Künstler sich auf irgendetwas ausruhen kann. Klar gibt es vereinzelt Ausnahmen, aber der überwältigende Großteil der Musiker in Deutschland muss mit knapp über 1000,- EUR im Monat auskommen, trägt dabei das komplette unternehmerische Risiko seiner Freiberuflichkeit, muss sich selber versichern, darf nicht krank werden, kann kaum Rücklagen bilden, geschweige denn eine Familie auch nur ansatzweise ernähren und was im Alter noch bleibt verdient kaum die Bezeichnung Rente. Aus irgendeinem Grund scheinen Sie missgünstig zu sein gegenüber Künstlern, von denen Sie meinen, dass sie in Geld schwimmen und dafür kaum was tun müssen. Beide Annahmen sind falsch.

  • Ideenreichtum und Kreativität sind wichtige Bestandteile des Fundamentes, deren Umsetzung und Vermarktung tragende Säulen einer funktionierenden Wirtschaft. Den "Zement", welcher der ganzen Konstruktion seine Stabilität verleiht, stellen Schutzrechte dar. Es wäre nun sehr bedenklich und sogar töricht, wenn man bewusst versuchte an einigen Stellen diesen "Zement" auszuwaschen!

    Martin Ecker, Handwerker

  • @ujf99
    zugegeben, "der mp3 Erfinder" war von mir etwas "vereinfacht" dargestellt. Ich wollte da nicht ausführlich darauf ausgehen sondern nur eine Antwort auf Mortonmensh geben. Denn die grundlegende Aussage bleibt ja richtig: Eine wissenschaftliche Arbeit muss gegen viel Geld geschützt werden, und dieser Schutz besteht dann für maximal 20 Jahre (hängt davon ab wie lange das Patenamt zur Prüfung braucht). Demgegenüber stehen 70 Jahre nach dem Tod beim Urheberrecht - ohne Prüfung etc.
    Dass sich die Patentanmeldungen kaum jemand privat leisten kann bzw. Universitäten / Firmen dann die Lizenzen verkaufen kommt noch dazu (haben Sie ja mit Ihren Links bestätigt). Ich hatte allerdings irgendwo gelesen dass Brandenburg nicht an den Lizenzeinnahmen beteiligt wird, so ist das oft auch üblich (die Gebühr für Patentanmeldung, Anwalt etc. darf verrechnet, auch wenn es eine Diensterfindung ist!), bzw. es findet eine, ich nenne es einmal "Alibivergütung" statt.
    Aber wie gesagt, darum ging es mir nicht primär, sondern darum dass angesichts der irrsinnigen Schutzfristen nicht mehr von Gleichbehandlung gesprochen werden kann.

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