MERKEL
Drachenflüsterin

Nach Angela Merkels Besuch in China wissen wir, was im Umgang mit der kommenden Supermacht möglich ist: viel mehr, als uns ihre Vorgänger Gerhard Schröder und Helmut Kohl weisgemacht haben.
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Die Bundeskanzlerin hat das dreiste Eindringen chinesischer Hacker in deutsche Regierungs- und Unternehmenscomputer kritisiert, sie hat den Chinesen öffentlich wegen Produktpiraterie und des Raubs geistigen Eigentums die Ohren lang gezogen, hat sie gedrängt, mehr für den Umweltschutz zu tun, hat offen mit Studenten debattiert und, Gipfel der Zumutung, sich mit „Abweichlern“, nämlich regimekritischen Journalisten, getroffen.

Wenn man so will, hat die chinesische Führung bei diesem Besuch das Gesicht verloren. Aber sie hat nicht eingeschnappt oder gar aggressiv auf die freundlich vorgetragenen Vorhaltungen reagiert. Merkel hat es geschafft, den Ton und die Gesten so zu setzen, dass ihr selbstbewusstes Vertreten westlicher Werte nicht wie eine Provokation wirkte, sondern wie das Ernstnehmen vieler rhetorischer Blüten der Pekinger Führung, die sich ja gerne verantwortungsbewusst und demokratisch gibt.

Was die Kanzlerin in China gezeigt hat, ist mehr als ein Feuerwerk billiger Effekte. Es ist politisch ein bedeutender Unterschied, ob man wie Schröder in Peking die Aufhebung des europäischen Waffenembargos fordert oder mehr Meinungsfreiheit und politische Rechte. Schröders und Kohls Devise war: Wer mit den Chinesen übers Geschäft reden will, muss von westlichen Werten schweigen. Merkel hat sie widerlegt und gibt die Möchtegern-Machos im Nachhinein der Lächerlichkeit preis. Zugleich hat sie nun einen Maßstab gesetzt, der künftig auch an andere westliche Führer angelegt werden wird, ob sie nun Nicolas Sarkozy, Gordon Brown oder George Bush heißen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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