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Merkel ist fremd in der Heimat

Strammen Schrittes prescht die Kandidatin vor ins Lutherhaus. In sich gekehrt richtet sie ihren Blick auf das graubraune Pflaster unter ihren Füßen. Nicht nach links, nicht nach rechts blickend, erobert sie im Sturmschritt das holprige Terrain. Sie nimmt nicht wahr, welche Forderung ans Tor des Lutherhauses in Wittenberg, Sachsen-Anhalt, genagelt ist: "Wahrnehmung fremder Welten!" Es ist die schlichte Einladung zur Erkundung der Weltentdeckungen im 18. Jahrhundert. Merkel hätte darin wohl mehr erkannt: ein Menetekel für ihre Eroberungsexpedition Ost. Diese hat sie jetzt angetreten. In der Fremde des Ostens. Ihres Osten?

Wenige Minuten später steht ihr die fremde Heerschar zu Tausenden gegenüber. Die "Frustrierten" , die "DDR-Proletarisierten", die "dummen Kälber". Sie warten unter dunklem Himmel auf die Frau, die sie vor der Schlachtbank, vor den Metzgern Gysi und Lafontaine bewahren soll. Von Edmund Stoibers Beschimpfungen sind sie prächtig aufgeputscht. Ihre feindliche Gesinnung haben sie ja vor drei Jahren längst an den Tag gelegt, als sie mit ihren vergifteten Ossi-Kreuzchen den Stoiber-Kanzler verhinderten. Jetzt aber haben sie die Kanzlerkandidatin ins Visier genommen, stehen da und können nicht anders: Sie trällern und buhen sie aus.

Ein schneidend schrilles Pfeifkonzert begrüßt die Kanzlerkandidatin der Union. Händeringend, mit bangem, starrem Blick klettert sie auf die Bühne. Schon spürt sie die angeknipsten Fernsehkameras, die ihre Heimkehr in Edmunds "Reich des Bösen" brutalstmöglich ausleuchten. Sie ist dünnhäutig. Die Knöchel ihrer Hände scheinen weiß durch die Haut. Die Nervosität befiehlt ihr, unablässig die Finger zu kneten. In ihrem moosgrün-grauen Hosenanzug, eine Art zivilem Kampfanzug Ost, macht sie gute Miene zu bayerisch-bösem Spiel.

Schon in den ersten Sekunden des Kampfes verliert sie ihren Touch, das Lächeln verrutscht zur Maske, im Zeitraum eines Augenaufschlags gerät sie in die Defensive. Ein kleiner Haufen DKPler, Linker - Jörg Schönbohm würde "DDR-Proletarisierte" höhnen - schafft das. Sie zetteln ein Störkonzert an, das nur einen nicht anficht: den in Bronze gegossenen Martin Luther, der mitten auf dem Platz vom "TEAM-Zukunft" der CDU umzingelt ist, und seine Bibel wie einen Schild vor der Brust hält.

Merkel aber, die wie ein CDU-Melanchthon ihre profane Bibel, das Wahlprogramm, dem Osten übersetzen soll, hat keinerlei Schutz. Hilflos muss sie sich über dem schrillen Soundteppich aufrecht halten. Eisern betet sie das Programm der Partei runter, erklärt, interpretiert. Langsamer als gewohnt, fast apathisch, in monotoner Tonlage und in anämischen Sätzen. Mehrwertsteuer, Sanierung des Haushalts. Schluss mit Schlusslicht!

Zurück in der ihr fremden Heimat prallen die mühsam erklärenden, mut- wie leblosen Worte vom Pflaster ins Nichts. Nicht einmal die Neugierigen und Sympathisanten unter den bis zu 3 000 Menschen fangen sie auf. Wie festgeschraubt begnügen die sich damit, als menschlicher Schutzschild körperliche Distanz zwischen Merkel und möglichen Unflat-Geschossen aufzubauen. Doch akustisch erstickt Merkel am Lärm des kleinen Haufens. "Kampf dem Hartz-Infarkt" lautet der lärmende Schlager, "Angela Merkel, die Marionette der Banken und Konzerne" steht auf einem Textil, das sie als Büttel des Großkapitals denunzieren soll. Dabei sind es nicht die Buhrufe, die irritieren. Es ist die dumpfe Reaktionslosigkeit, die stille Lethargie ihrer Freunde, die verwirrt. Für Merkel, so scheint es, sind diese Freunde unerreichbar geworden.

Geschlagene 20 von 35 Minuten braucht die konsternierte Rednerin, um sich aus der akustischen Knechtschaft zu winden: "Das ist der Unterschied zu vor 15 Jahren: Sie alle sind freiwillig hergekommen, und einige dürfen brüllen und schreien - und die anderen zuhören. Daran sollte man mal erinnern dürfen." Doch, darf man.

Auch zwei Stunden später darf man. Da wird Merkel auf dem Chemnitzer Markt den "Lügen, Lügen, Lügen"-Grölern den monotonen Kanon abschneiden: "Wenn die da hinten mal was anderes schreien könnten, wäre das amüsanter." Doch ihre bange Angestrengtheit kann sie nicht bannen. Wieder sieht sie die drohenden Fernsehbilder über den sie abweisenden Osten, hört die Kommentare über ihre Entfremdung von der Heimat. Hört, wie man sie, die von der Politik Getriebene als Heimatvertriebene brandmarkt. Stoibers Publikumbeschimpfungen versucht sie erst so gar nicht einzufangen. Sie schweigt sich öffentlich aus. In Feindesland. Ohne Mumm.

Der Lokalmatador in Chemnitz, Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt, drückt sich starren Blickes neben Merkel herum, setzt eine Miene auf, als gelte es, persönliche Haftung für die Schreier unter den 5 000 Menschen auszuschließen, so als wären diese nicht seine Landes-, sondern seine leibhaftigen Kinder. Ungeratene obendrein. Doch die Rednerin neben ihm, die sich nur als "gesamtdeutsche Politikerin" verstanden wissen will, findet keinen Zugang zu der im Schweigen dröhnenden Mehrheit. Beifall erntet sie selten, deftiger Applaus bleibt aus. Ein Desaster.

Merkel, die Zahlendomina, übersieht die verletzten Seelen, die wunden Gefühle, vor allem die Begeisterungsfähigkeit der Zuhörer. Humorlos versucht sie aus ihrer Not als schwache Rednerin die Tugend der Naturwissenschaftlerin zu destillieren: statt Kampf Analyse, statt Aufbruch Bestandsaufnahme. Deutschland: schon wieder im Herbst.

"Heute könnte mich aber niemand mitreißen," wirft ein Zuhörer ein. "Womit will man uns mitreißen?" fragt er. Dann grübelt er: "Vielleicht werde ich die Frau am Ende doch wählen." Aber: "Die Frau", sie steckt im eigenen Land im selbst gewählten Exil: Ihr fehlt der Mut, sich zur Prägung durch den Osten zu bekennen. Ihr will sie entwachsen sein, doch ohne die Gewissheit, im Westen und der CDU schon vollends angekommen zu sein. Die beste aller deutschen Welten, das Heimischsein in Ost und West, steht ihr nicht offen. Überall will sie ein richtiges Leben im falschen führen. Ganz allein, nur keine Fremdbestimmung.

"Die hat uns hinter sich gelassen", nölt eine junge Chemnitzerin nach 34 Minuten Merkel-Exkurs über das Wahlprogramm: Mehrwertsteuer rauf, Lohnnebenkosten runter, Arbeitszeit rauf, Freizeit runter. Aber: Kündigungsschutz, Gesundheitsreform, Pendlerpauschale, Eigenheimzulage - das Standardrepertoire für den Westen legt sie hier gar nicht erst auf.

Dafür die gesamtdeutsche Empörung: Hassprediger, des Deutschen unkundige Ausländer, Terroristen, innere Unsicherheit, Gleichberechtigung der Türken in der EU. Die schwarzen Dauerlutscher verteilt sie großzügig an die dankbaren Frustrierten und dummen Kälber. Die rühren die Hände aneinander. Jubelnde Zustimmung ist das nicht. Frenetisch klänge hier so fremd wie ein Wort aus dem Vokabular der Raumfahrt.

Wie wenig Merkels Kompass tatsächlich auf Ost geeicht ist, entblößt sie, wenn sie eine umfassende Videoüberwachung fordert. "Die haben das in London richtig gemacht!" plädiert sie für mehr Überwachungsstaat. Anders als im Westen aber bleibt der reflexartige Beifall aus, verschließen sich die Zuhörer dieser Forderung. Warum wohl?

"Ich weiß nicht, wer Merkel ist, wo sie sich zu Hause fühlt", wundert sich eine junge Frau. Sie ist erstaunt, dass die Weltenentdeckerin kein Gespür dafür hat, dass Big Brother dort 40 Jahre einen kalten Zwilling hatte. Noch verblüffter ist die Studentin, dass Merkel und Stoiber "nicht mitbekommen" haben, dass die PDS/Linkspartei die "erste und größte Volkspartei im Osten" ist - jetzt gefolgt von der SPD und dann erst vom Schlusslicht CDU.

Dabei hat die Kandidatin eine schöne neue Rede für den Osten auf Lager. Da ist von "unglaublichen Leistungen" die Rede, da "arbeitet man länger und hat weniger Freizeit". Von hier stammt der Superkicker Michael Ballack, der beim FC Bayern (wo Stoiber im Vorstand hockt) Weltniveau bietet, da hat Sachsen mit Bayern bei Pisa längst gleichgezogen, da schaffen die Sachsen das Abitur schon in zwölf, die Bayern aber erst nach dreizehn Jahren! "Ein Riesenschritt", sagt Merkel und verteilt großzügig exzellente Zensuren. "Darauf können wir stolz sein!" Wir?

Nur maßvoll stolz sind die Chemnitzer. Zum Beispiel auf die Nationalhymne. "Bei der CDU ist es eben Brauch, dass wir am Ende die Nationalhymne spielen und auch mitsingen", muntert ein Sprecher in vorausahnender Vergeblichkeit zum Mitsingen auf. Tatsächlich: Nur auf der Bühne, auf dem Podest voller Politik stimmt man ein. Die anderen halten die Lippen fest geschlossen.

Plötzlich aber öffnen sie sich doch. Als der Vorhang fällt, alle Fragen offen geblieben sind , trällert Mick Jagger mit seiner Altherren-Combo vom Band seine politisch zweckentfremdete Hymne an "Angie". Da summt es plötzlich auf dem Marktplatz in Chemnitz. Kein Wunder, bei dem Refrain: "Oh Angie, oh Angie: Ohne Geld in unseren Jacken - wie kannst du nur behaupten, wir seien zufrieden?"

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