Microsoft
Balmers Bilanz

Jerry Yang, der Mitgründer und Chef des Internet-Portals Yahoo hat sein Fett weg. Seine Beschäftigten sind sauer, und seine Aktionäre klagen, weil er die Übernahmeofferte von Microsoft ausschlug und der Kurs kräftig fiel – wenn auch nicht ins Bodenlose, wie manche befürchtet haben.
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Aber was ist mit Microsoft-Chef Steve Ballmer (52)? Als Sieger ist auch er nicht aus dem Gerangel hervorgegangen. Er habe stark geredet, aber schwach und unschlüssig gehandelt, wird ihm vorgeworfen. Das Abenteuer Yahoo hat Microsoft Milliarden an Marktwert gekostet und in vielen anderen Firmen würde sein Stuhl wackeln. Dabei sollte die Übernahme von Yahoo Ballmers großer Wurf wer-den. Sie sei „der nächste bedeutende Meilenstein in unserer firmen-weiten Neuausrichtung auf Dienstleistungen, Suche und Werbung im Internet“, erklärte er bei der Bekanntgabe der Übernahmeofferte am 1. Februar. Für den mit Akquisitionen vorsichtigen Softwarekonzern wäre es die bei weitem größte Übernahme seiner Geschichte gewesen.

Ballmer schätzte die Lage von Anfang an falsch ein, er taktierte ohne klare Linie. Die negative Reaktion der eigenen Aktionäre überraschte ihn ebenso wie die Weigerung von Yahoo, sein um 60 Prozent über dem damaligen Kurs liegendes Angebot zu akzeptieren. Während des drei Monate währenden Tauziehens mit Yahoo sah Ballmer keinen Grund für Kompromissbereitschaft. Stattdessen wollte er mit der letztlich leeren Drohung einer feindlichen Übernahme ans Ziel gelangen. Er stellte ein Ultimatum und ließ es wortlos verstreichen und gab auf, obwohl sich die Preisvorstellungen beider Seiten bis auf vier Dollar pro Anteil angenähert hatten. Ballmer habe von Anfang an die Akquisition nur halbherzig verfolgt, vermuten die einen. Der Verwaltungsrat von Microsoft habe ihm klare Preisgrenzen gesetzt, sagen andere. Er habe sich nur taktisch zurückgezogen und warte darauf, dass die Yahoo-Aktionäre Jerry Yang zurück an den Verhandlungstisch zwingen, lautet eine dritte Erklärung.

Selbst wenn Yang seine Meinung ändern sollte, wäre das kein Triumph für Ballmer. Der scharfe Kursrückgang nach Bekanntgabe der Yahoo-Offerte, der den Markt-wert von Microsoft um 50 Milliarden Dollar drückte, zeigt klar, was Anleger von einer Übernahme des Internet-Portals durch den Softwareriesen halten. Ihre Erleichterung nach dem Platzen der Verhandlungen währte andererseits auch nur kurz. Denn die Übernahmeattacke war praktisch das Eingeständnis, dass Microsoft trotz Investitionen von mehreren Hundert Millionen Dollar in eigene Suchtechnologie, in das MSN-Internetportal und in eine eigene Softwareplattform für Onlinewerbung im Wettbewerb gegen Google weiter mit der Stange im Nebel stochert.

Die Milliarden, die Microsoft immer noch mit Software für Personalcomputer und Server verdient, kaschieren die schweren Versäumnisse im Onlinegeschäft, seit Ballmer im Jahre 2000 die Nachfolge von Bill Gates als Chief Executive antrat. Weder Gates noch Ballmer erkannten anfänglich die Bedeutung des Internets. Als sich Microsoft schließlich auf den Zug aufschwang und sein Monopol bei PC-Betriebssystemen nutzte, um Konkurrenten aus dem Markt zu boxen, hagelte es Kartellklagen. Die lenkten ab und legten dem Konzern gerichtliche Fesseln an.

Als Nächstes brauchte Microsoft zu lange, um die Bedeutung und das kommerzielle Potenzial der Onlinesuche zu erkennen und Software als Service aus dem Internet als Chance zu begreifen. Praktisch seit Ballmer die Führung übernahm, dümpelt die Microsoft-Aktie vor sich hin, und das, obwohl der Konzern in Geld schwimmt und 70 Milliarden Dollar für Rückkäufe und eine Sonderdividende ausgab. Seit 28 Jahren ist der bullige Dynamo Ballmer bei Microsoft. Seine Arbeit für Bill Gates, den er Anfang der 70er-Jahre an der Harvard-Universität kennenlernte, hat ihn reich gemacht. Sein Privatvermögen wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. Er gilt als Zahlengenie, und seine Arbeitswut ist so legendär wie seine gelegentlichen Zornausbrüche. Videos von seinen lautstarken Auftritten vor Microsoftlern haben es wegen ihres hohen Unterhaltungswerts zur Berühmtheit bei Youtube gebracht.

Wegen seiner langjährigen Verbindung zu Gates gilt Ballmer als unantastbar. Aber die Zweifel, ob er der richtige Mann ist, um Microsoft in eine internetbasierte Zukunft zu führen, sind durch das Yahoo-Debakel gewachsen. Noch wirft das alte Geschäftsmodell eine saftige Monopolrente ab, aber es hat klar seinen Zenit überschritten. Vielleicht gibt Bill Gates doch noch frischen Kräften eine Chance, bevor er sich Mitte des Jahres auf seine Wohltätigkeitsarbeit zurückzieht.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent

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