Migranten
Gott sei Dank Türken

Ein paar Wochen erst ist es her, dass in den Medien eine virulente Bedrohung durch Türken der dritten Generation, die unsere Werte ablehnten, beschworen wurde. Heute ist es ruhiger geworden. Deutschland kann froh sein über seine muslimischen Migranten und deren Nachkommen.

Seit dem knapp vereitelten Terroranschlag in London wird uns nach und nach bewusst: Bei allen Integrationsproblemen hat Deutschland eine Sorge nicht, nämlich eine starke Einwanderergruppe, die vom militanten politischen Islam beeinflusst ist und die die Mehrheitsgesellschaft radikal, bis hin zur extremen Gewaltbereitschaft ablehnt.

Woran liegt es? Integrationsbeauftragte und Migrationsexperten hüten sich vor einfachen Antworten. Spitzt man ihre Erklärungen zu, bleiben zwei Ursachen: Die ideologischen, religiösen und politischen Unterschiede zwischen „unseren“ türkischen Einwanderern und den postkolonialen Migranten in Großbritannien oder Frankreich einerseits, das unterschiedliche Funktionieren der Mehrheitsgesellschaft andererseits.

Pakistan hat in den vergangenen Jahrzehnten an vorderster Front den Vorstoß des „dschihadistischen“ politischen Islams mitgemacht und teils gefördert. Das reicht von Koranschulen, die aggressive, reaktionäre Wahabiten aus Saudi-Arabien finanzieren, bis zu den Gotteskriegern, die noch heute aktiv sind. Diese Tendenzen sind nach Großbritannien übergeschwappt. Die Türkei dagegen hat die völlig andere Erfahrung des Kemalismus gemacht. Jahrzehnte hindurch wurde das Land von säkularen Kräften geprägt. Die gesamte Nachkriegszeit stand im Zeichen der Annäherung an den Westen, der Bevorzugung durch die Nato, der Beziehung zur EU, die andere islamische Länder nicht annähernd erfuhren.

Der politische Islam, der sich auch in der Türkei entwickelt hat, muss sich mit den säkularen Traditionen arrangieren, hat nicht die giftigen antiwestlichen, antisemitischen Züge, die für die Dschihadisten kennzeichnend sind. Die Reaktion gegen radikalisierte Moslems falle bei türkischstämmigen Deutschen teilweise heftiger aus als seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft, stellen Integrationsexperten fest.

Was das Funktionieren der aufnehmenden Gesellschaft angeht, liegen die Dinge viel komplizierter. Die Bundesrepublik als Land, das Migranten über Jahrzehnte als „Gastarbeiter“ behandelte und Integration damit selbst erschwerte, sollte logischerweise die größeren Probleme haben als die Briten mit ihrer großzügigen Multikulti- und Commonwealth-Rhetorik. Diese bot ja auch handfeste Vorteile, nämlich den leichteren Zugang zur britischen Staatsbürgerschaft.

Dennoch scheint sich das nicht in eine größere Identifikation mit der Mehrheitsgesellschaft zu übersetzen. Warum das so ist, wurde bisher leider kaum erforscht. Die deutsch-britische Stiftung veröffentlichte 2004 eine Studie mit dem prägnanten Titel „Lebt es sich leichter als Türke in Berlin oder als Pakistani in Bradford?“. Doch die Autoren kommen zu keiner befriedigenden Antwort: „Vor zehn Jahren galt die Ansicht, ein britischer Pakistani sei besser gestellt als ein deutscher Türke.“ Heute falle der Vergleich nicht mehr so eindeutig aus: „Warum gehen die angeblich so privilegierten britischen Pakistanis auf die Straße, die Kreuzberger Türken aber nicht?“

Dabei haben sich gerade in Berlin die existenziellen Nöte der jüngeren Migranten-Generation eher verschärft, sind die Chancen am Arbeitsmarkt schlechter geworden. Integrationspolitiker wie der Berliner Ausländerbeauftragte Günter Piening sehen „ein Bündel von Faktoren, vom Sozialstaat bis hin zu anderen Angeboten, die in Deutschland zu einer positiveren Stimmung führen.“ Und sie heben hervor, dass sich gerade die jungen türkischen Muslime in den Berliner Moscheen um Integration bemühen, mit Arbeitsagenturen und der Polizei kooperieren würden.

Spontan fallen einem die Türken ein, die während der Fußball-WM mit Deutschlandfahnen durch die Stadt zogen. Wäre in der postkolonialen britischen Gesellschaft ähnliches vorstellbar? Viele Ursachen und Zusammenhänge sind noch unzureichend untersucht. Das Ergebnis, die ganz überwiegend fehlende Radikalisierung der Türken in Deutschland, kann man deshalb nur ohne Hybris, mit einer gewissen Dankbarkeit zur Kenntnis nehmen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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