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Mit Fehlern in die Defensive

Aktienmärkte blicken in die Zukunft. Daran gemessen, hat Siemens-Chef Klaus Kleinfeld seinen Zenit überschritten.

Das Zwischenhoch der Siemens-Aktie ist so schnell verflogen wie das taffe Image des jungen Chefs. Dabei steht er keine zwei Jahre an der Spitze des Münchener Technologiekonzerns. Deutschland schien sich am Tag der Einheit vor allem in einer Frage einig: Kleinfeld hat versagt, auf der ganzen Linie.

Das Aus für die Handyfertigung wächst sich zu einem Desaster für Kleinfeld aus. Von der Kanzlerin bis zu den Landesfürsten dieser Republik tönen alle: Der Konzern ist verantwortlich für 3 000 vom Konkurs bedrohte Arbeitsplätze. Das Besondere daran ist nur, dass diese Jobs keine Siemens-Jobs sind, nicht mehr.

Die Geschichte bietet Politikern, Gewerkschaftern und Medien Vorwände für eine Treibjagd, die erfolgreich scheint. Siemens finanziert einen Hilfsfonds. Fehlt nur noch die Rücknahme der Handywerke!

Das Siemens-Management verbeugt sich devot vor dem Volk. Klaus Kleinfeld in der Opferrolle? Mitnichten. Viele Anwürfe der Politik sind unsinnig. Sie müssen zurückgewiesen werden. Das würde leichter fallen, hätte Siemens als führender deutscher Konzern die prekäre Situation, in der er sich befindet, nicht weitgehend selbst verschuldet.

Warum hat sich der Siemens-Chef derart in die Defensive drängen lassen? Die Handywerke sind an die taiwanische Firma BenQ verkauft worden. Siemens ist raus! Kleinfeld hätte überhaupt keinen Anlass, jetzt dafür die Verantwortung zu übernehmen, wäre er sicher, damals keine eklatanten Fehler begangen zu haben. Aber hat Siemens mit BenQ wirklich einen kompetenten Käufer ausgesucht? Wohl kaum, denn die einfachen Lohnfertiger aus dem Fernen Osten haben sich mit dem Einstieg in Europa derart die Finger verbrannt, wie es nur einem grünen Newcomer passieren kann.

Siemens betont, die Stilllegung der Handywerke wäre billiger gewesen, die Taiwaner hätten aber die Fortführung der Produktion zugesichert. Deshalb habe man die teure Variante gewählt. Doch teuer ist nicht gleich gut, und wasserdicht scheint der Vertrag nicht zu sein. BenQ jedenfalls ignoriert alle Vereinbarungen. Und was hat die umstrittene Gehaltserhöhung des Siemens-Vorstands um 30 Prozent mit der Insolvenz von BenQ in Deutschland zu tun? Nichts! Kleinfeld hat populistischen Parolen nachgegeben, weil er angreifbar geworden ist. Wenn die Zuschläge gestern gerechtfertigt waren, dann sind sie es auch heute.

Siemens startet in eine neue Ära, hieß es Anfang vergangenen Jahres, als Kleinfeld die Nachfolge Heinrich von Pierers antrat. Heute sieht es so aus, dass Kleinfeld mit seiner Art der Unternehmensführung – betont Shareholder-orientiert und amerikanisch-jovial – weder die Aktionäre noch die Arbeitnehmer zufrieden stellt. Siemens, der einstige Haus- und Hoflieferant Deutschlands, ist nicht wie ein US-Konzern zu führen.

Für Kleinfeld könnte der sinkende Börsenkurs nur ein Zwischentief sein, von dem er sich bald wieder erholt. Vielleicht kündet der Knick aber auch das schnelle Ende einer Karriere an, weil der Manager Kleinfeld und das Unternehmen nicht zusammenpassen.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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