Mit seinem neuen Buch legt der Außenminister die theoretische Basis für eine transatlantische Ordnung
Fischers weltpolitisches Testament

So war es nicht geplant. Doch nun legt Joschka Fischer ein Buch vor, das sich wie das politische Testament des (noch) amtierenden Außenministers liest. Das rot-grüne Projekt neigt sich dem Herbst zu, da wagt der Patriarch der deutschen Weltpolitik eine Bestandsaufnahme. "Die Rückkehr der Geschichte", protzt der Verlag bereits, sei "das politische Buch des Jahres". Ein Wahlversprechen - oder mehr?

HB DÜSSELDORF.Fischer denkt in langen historischen Reihen, seziert die Weltpolitik nach dem Terrorschock vom 11. September 2001 und zeichnet die Genesis Amerikas und Europas nach. Er beginnt bei den Anschlägen in New York und Washington, die "den Beginn des 21. Jahrhunderts" einläuteten. Damit sei das von Francis Fukuyama 1992 ausgerufene "Ende der Geschichte" Geschichte, argumentiert Fischer: "All jene schönen Illusionen vom Ende der Politik, vom Rückzug des Staates und der scheinbaren Dominanz der Ökonomie über die Politik wurden am 11. September unter den Trümmern begraben." Mit mokantem Unterton konstatiert er: "Nicht mehr die Börse, sondern die Politik sollte fortan wieder die Kurszettel der Geschichte schreiben."

Wie Politiker und Denker beiderseits des Atlantiks die Herausforderung des "Dschihad-Terrorismus" annahmen, beschreibt Fischer detailliert und kenntnisreich. Insgesamt 237 Fußnoten trugen seine Mitarbeiter zusammen. All die üblichen Verdächtigen von Timothy Garton Ash bis Karl Marx listet die Bibliographie auf. Doch der Anspruch geht über Deskription hinaus: Fischer feilt an der Theorie der "Ordnung in der sich globalisierenden Welt des 21. Jahrhunderts".

Dabei lässt der Außenminister die Niederungen der Tagespolitik weit zurück. Der Streit über den Irak-Krieg wird kaum erwähnt, deutsche Politik und Petitessen wie die Visa-Affäre finden nicht statt. Dafür analysiert der Grüne die Gefahr des islamistischen Terrors, die Folgen der Globalisierung, die Grenzen der EU und so gut wie jeden Krisenherd rund um den Globus. Die Exkurse sind zahlreich, zu zahlreich.

Das eigentliche Anliegen des Autors ist das transatlantische Verhältnis, die Rolle Amerikas und Europas beim Bau der neuen Weltordnung. Die letzte Wahl hatte Rot-Grün mit anti-amerikanischer Rhetorik gewonnen, doch Fischer ist Transatlantiker. Zwar kann er es jetzt nicht lassen, sich am neokonservativen Publizisten Robert Kagan zu reiben, der die USA "auf dem Mars" und die EU "auf der Venus" verortet hatte.

Aber dann schildert Fischer mit viel Verständnis, wie die USA auf den Terror mit einer "revolutionären Außenpolitik" im Krisengürtel des Nahen Ostens reagierten. Kritik an Bush scheint allenfalls zwischen den Zeilen durch. Etwa, wenn der Deutsche betont, dass Kriege nur dann Probleme lösen können, wenn sie von der Kraft zu einer neuen Friedensordnung begleitet werden.

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