MITARBEITERBETEILIGUNG
Investivwahn

Der deutsche Staat kümmert sich gerne um die Finanzen seiner Bürger. Nicht nur, indem er ihnen jede Menge Geld abknöpft.
  • 0

Er möchte sie auch fördern, ihnen verschiedene finanzielle Ziele schmackhaft machen. Zum Beispiel: Geld für ein Haus zu sparen, ein Vermögen aufzubauen, für das Alter vorzusorgen, sich an der Firma, bei der er arbeitet, zu beteiligen.

Für alle diese Förderzwecke gibt es eigene Bestimmungen, Lobbys, politische Rechtfertigungen und Durchführungswege. Gefördert wird direkt oder über den Betrieb, durch Zuschüsse, durch Steuervorteile oder durch Befreiung von Sozialabgaben. Manche Förderung bekommt jeder, teils ist sie reserviert für Leute mit kleineren Einkommen, außerdem gibt es fast überall irgendwelche Höchstbeträge und Auszahlungsbedingungen.

Ein übergreifendes System, das alle Ziele und Mittel aufeinander abstimmen würde, existiert nicht. Die einzelnen Förderzwecke sind gar nicht immer klar voneinander abzugrenzen. Vieles läuft nebeneinander her und damit auch in Konkurrenz zueinander. Denn die meisten Familien haben nur einen begrenzten Spielraum zu sparen: Je mehr sie in den einen Kanal schieben, desto weniger ist für den anderen übrig.

Genau das wird jetzt wieder zum politischen Problem. Die Große Koalition baut den „Investivlohn“, also die Mitarbeiterbeteiligung, aus, indem sie bei ein paar schon bestehenden Förderwegen die Grenzen erweitert. Und damit fängt sie sicher auch Geld ein, das sonst in die Altersvorsorge fließen würde.

Ärgerlich ist das vor allem für die Lebensversicherer. Sie leben vor allem von der Altersvorsorge und fürchten nun, dass die Kunden lieber Geld in den Investivlohn stecken. Dafür fehlen ihnen aber die Produkte im Programm. Daher ist die Klage der Versicherer, hier werde völlig unsystematisch Politik betrieben, nicht ganz uneigennützig. Die Lebensversicherer leben, seit es sie gibt, vor allem von steuerlich oder anderweitig geförderten Produkten. Sie müssen sich daher vorhalten lassen: Wer sein Geschäftsmodell auf die Politik baut, darf sich nicht beschweren, wenn er sich im politischen Wirrwarr verfängt.

Dennoch ist die Kritik berechtigt: Der Staat verteilt sein Fördergeld unsystematisch und nach Kriterien, die zweifelhaft und mit Sicherheit für die meisten Bürger undurchschaubar sind. Hinzu kommt: Viele der geförderten Produkte sind teuer, weil einiges an Gebühren in der Kalkulation steckt, die die Steuervorteile dann gleich wieder auffressen – darauf weisen Verbraucherschützer immer wieder hin. Man kann fast sagen: Der Staat fördert meist gar nicht den Bürger, sondern finanziert per saldo lediglich den Vertrieb der Produkte, die er für förderungswürdig hält. Der Gerechtigkeit halber muss man hinzufügen: Ohne aktive Vertriebsleute, die natürlich auch Geld verdienen wollen, lassen sich Spar- und Vorsorgeprodukte in der Breite kaum verkaufen. Nur wenige Bürger kümmern sich allein um die Vorsorge und suchen nach kostengünstigen Angeboten.

Welche Förderzwecke aber sind heute überhaupt noch berechtigt? Die Altersvorsorge ist sicher ein großes Thema. Wenn es immer mehr alte Leute und immer weniger Kinder gibt, wird die staatliche Umlagerente nicht mehr ausreichen. Der jetzt beschlossene Investivlohn ist dagegen eine Art politischer Zombie aus der Zeit, als rechts und links noch in Klassenkampfkategorien gedacht wurde: Durch Mitarbeiterbeteiligung soll der „Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit“ abgemildert werden. Weil das irgendwie sowohl zur Sozialdemokratie wie auch zur katholischen Soziallehre passt, wurde dieser Ladenhüter, mit freundlicher Rückendeckung des Herrn Bundespräsidenten, ein Kuschelthema für die Große Koalition. Praktisch gesehen braucht niemand den Investivlohn – moderne Arbeitnehmer haben genügend Möglichkeiten, ihr Geld anzulegen, und sollten auch gar nicht ihr Vermögen und ihren Job risikomäßig aneinanderkoppeln.

Man könnte natürlich auch fragen, warum der Staat sich nicht ganz heraushält aus der Vermögensbildung. Schließlich sparen die Deutschen ja im internationalen Vergleich sehr fleißig, bremsen damit sogar die heimische Konjunktur. Wer so argumentiert, betrachtet freilich nur die statistischen Durchschnittsgrößen. Viele Bürger, die gut verdienen, bräuchten keinen Anreiz, um zu sparen. Bei Familien mit geringem Einkommen ist die Gefahr aber groß, dass sie im Alter zu wenig haben. Altersvorsorge gezielt bei Leuten mit kleinerem Einkommen zu fördern ist daher durchaus sinnvoll.

Und für den Bürger gilt im Förderdschungel die Devise: sich informieren und mitnehmen, was geht – vorausgesetzt, man achtet immer darauf, dass es preisgünstige Anbieter gibt.

Kommentare zu " MITARBEITERBETEILIGUNG: Investivwahn"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%