Mittal und Arcelor
Ein echter Weltmeister

Das Zusammengehen der beiden größten Stahlunternehmen der Welt, Mittal Steel und Arcelor, ist mehr als nur ein milliardenschwerer Deal. Bei der Fusion handelt es sich um ein historisches Ereignis, dessen Bedeutung weit über die Branche hinausreicht. Denn der Zusammenschluss leitet eine neue Stufe der Globalisierung ein: Erstmals spielt ein Unternehmen, dessen Ursprünge in einem Schwellenland liegen, an der Weltspitze einer Schlüsselbranche die Rolle des Konsolidierers.

An aufsteigende Stars wie Mittal werden sich die Manager in den hoch entwickelten Industriestaaten gewöhnen müssen. Welche Irritationen der Angriff einer als „Dritte-Welt-Konzern“ gesehenen Gruppe auslösen kann, hat der epische Übernahmekampf bewiesen. Nicht nur die Arcelor-Führung hat fünf Monate lang die Avancen des indischstämmigen Stahlmagnaten in oft arroganter Weise zurückgewiesen.

Auch diverse Regierungen, von der französischen über die belgische bis zur luxemburgischen, haben sie mit überheblichen Reflexen begleitet. Obwohl das Unternehmen juristisch längst in Holland sitzt und seine Aktien dort sowie in New York notieren: Nein, ein „European Champion“ darf nicht in die Hände eines Mannes geraten, der sich sein Imperium vor allem in Niedrigkostenländern wie Kasachstan zusammengekauft hat! Eine Fehleinschätzung, zumal Mittal durch seinen beispiellosen Aufstieg unter Beweis gestellt hat, dass er nicht nur ein exquisiter Kenner der Stahlszene ist, sondern auch ein Spezialist für die heikle Aufgabe der Integration von akquirierten Gesellschaften.

Das Happy End hat aber nicht nur mit dem Einlenken der Europäer zu tun. Es wäre auch undenkbar gewesen ohne Lakshmi Mittals Lernfähigkeit. Auch hier steht der Fall wohl für eine allgemeine Tendenz in der Globalisierung insgesamt. Mittal hat eingesehen: Man muss für anspruchsvolle Ziele an hoch entwickelten Standorten einen adäquaten Preis bezahlen. Sein Anfangsgebot hat in keiner Weise dem tatsächlichen Wert Arcelors entsprochen. Die nun gültige Offerte liegt mehr als 40 Prozent darüber. Der Bargeldanteil ist deutlich höher, eigene Aktien, das oft kritisierte „Spielgeld“, fließen hingegen spärlicher.

Zum anderen musste Mittal akzeptieren, dass in der Ersten Welt andere Corporate-Governance-Standards gelten als in Schwellenländern. Der Aktionärsdemokratie diametral widersprechende Mehrfachstimmrechte und die insgesamt geringe Transparenz passen einfach nicht zu einem Konzern, der für sich die Weltspitze in Anspruch nimmt. Vor allem die Tatsache, dass Mittal von den Mehrfachstimmrechten, welche die absolute Macht in den Händen seiner Familie zementieren sollten, Abschied genommen hat, verdeutlicht seinen Reifungsprozess.

Auch dass er sich selbst aus der operativen Führung des neuen Unternehmens heraushalten wird, spricht eine deutliche Sprache. Logisch ist indes sein Anspruch, als künftig größter Aktionär bei der Strategie des Stahlriesen mitsprechen zu wollen. Das aber widerspricht nicht den Regeln guter Unternehmensführung. Das Experiment mit globaler Bedeutung kann starten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%