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Moschee und Grundgesetz

Deutsche Muslime: Wolfgang Schäuble hat den Startschuss zu einem Großprojekt gegeben, vor dem alle früheren Bundesregierungen sich gedrückt haben.

Der Staat versucht gemeinsam mit den hier lebenden Muslimen, einen „Islam in Deutschland“ zu schaffen. Nach Jahren politischen Pingpongs, bei dem Forderungen hin- und zurückgeschlagen wurden, versucht der Innenminister eine pragmatische Kooperation.

Vielleicht kann gerade dieser Christdemokrat erfolgreich anpacken, wovor andere gekniffen haben. Schäuble ist ein europäisch denkender Konservativer, frei von Multikulti-Illusionen und ihrer modischen Kehrseite, der weinerlichen Klage, unsere Kultur sei zu schwach für die Auseinandersetzung mit einem muskulösen Islam. Die Grundrichtung, die Schäuble zum Start der auf mehrere Jahre angelegten Konferenz vorgegeben hat, ist genau richtig: Der zwischen Defätismus und Präventivkrieg schwankenden Lehre vom Kampf der Kulturen stellt der Innenminister beste preußische Tradition entgegen. Wer sich aktiv am Aufbau unserer Gesellschaft beteiligt und sich an die Gesetze hält, ist willkommen, egal ob Christ, Jude oder Muslim. Es geht nicht um eine Entscheidung „die oder wir“, sondern um „die und wir, hier“.

Der historische Rückblick beantwortet eine erste wichtige Frage: Steht der Islam an sich der Verständigung auf Grundlage einer liberalen Verfassung entgegen? Nein, wohl aber die rückschrittlichen Verformungen, die manche Einwanderer aus ihren Herkunftsländern mitbringen oder die testosterongesteuerte Jugendliche hier aufschnappen und für die Essenz ihrer Religion halten. Vor der Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen darf man nicht zurückschrecken, weil sonst die Grundlage für die offene Gesellschaft verloren ginge. Die Diskussion über den Islam ist auch in dieser Hinsicht zu stark geprägt vom Terrortrauma: Wer vorauseilend die eigenen Begriffe von Freiheit aufgibt, ob in der Oper oder in den Medien, handelt ebenso destruktiv wie jemand, der in jedem Muslim einen zündelnden Fundamentalisten sieht und den Islam unter Generalverdacht stellt.

Die wenig hierarchische Organisationsform der Muslime bringt es mit sich, dass es keine einfache Lösung in Form eines Staatsvertrages mit einer „Kirche“ geben wird, die bestimmte Vereinbarungen von oben nach unten durchdrückt. Gleichzeitig gibt es auf staatlicher Seite wenig zentrale Kompetenzen. In einer der Schlüsselfragen, dem islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache, ist das besonders misslich, denn hier muss schnell etwas geschehen. Da zeigt sich, dass Integration eben auch der Mehrheitsgesellschaft eine Leistung abverlangt, und sei es nur die, Anpassungen des Schulsystems schneller und weniger atomistisch voranzutreiben.

Hier liegt eine der Klippen für die Islam-Konferenz: Vieles wie die Einbindung der Moscheen in ein bürgerliches deutsches Umfeld muss vor Ort geleistet werden, doch es bedarf gleichzeitig eines starken Impulses von der Bundespolitik, wenn das anspruchsvolle Ideal von den „deutschen Muslimen“ in absehbarer Zeit erreicht werden soll. Der Kampf um die Köpfe ist ein Wettlauf mit der Zeit. Wenigstens hat der Staat sich nun endlich ins Rennen geworfen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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