Musikindustrie
Leise Töne in der Musikindustrie

Einer der bizarrsten und längsten Übernahmewettläufe in der Wirtschaftsgeschichte könnte ein Ende gefunden haben. Doch das bedeutet noch lange nicht das Ende der Probleme der beteiligten Unternehmen. Sie könnten sogar gerade erst anfangen.

Einer der bizarrsten und längsten Übernahmewettläufe in der Wirtschaftsgeschichte könnte ein Ende gefunden haben. Doch das bedeutet noch lange nicht das Ende der Probleme der beteiligten Unternehmen. Sie könnten sogar gerade erst anfangen. Denn die Partner haben sich auf eine Minimallösung geeinigt, um möglichst schnell die Kartellhürden in Brüssel zu nehmen.

Sony Music und die Bertelsmann Tochter BMG haben eine „nicht bindende“ Vereinbarung getroffen, um ihre Unternehmen zusammenzuschließen. Dabei werden nur die kreativen Firmenteile erfasst. CD-Herstellung, Musikverlage und Vertrieb bleiben eigenständig. Am neuen Unternehmen sollen beide Konzerne je zur Hälfte beteiligt sein.

Damit wurden zumindest optisch potenzielle Stolpersteine aus dem Weg geräumt, die zu einer Ablehnung der Fusion durch die Kartellbehörden in Brüssel führen könnten. Denn gerade die Musikverlage wurden von den Wettbewerbshütern bislang immer kritisch beäugt.

Die Verlage sind die „Immobilientöchter“ der Musikindustrie. Hier liegen die wertvollen Rechte an den Musikstücken, die in vielfältiger Weise weiterverwertet werden können – ob als Musik-CD, Filmmusik oder Handy-Klingelton. Die Gebühren für die Nutzung streichen die Rechteinhaber ein. Musikverlage werden auch überproportional vom Onlinehandel profitieren. Diese „Banken“ bleiben bei den Konzernmüttern.

Eine Dominanz auf dem Markt der Musikverlage galt zudem schon lange als größter Hemmschuh der ebenfalls geplanten Fusion der Musikgiganten Warner und Emi (Beatles). Sie zusammen hätten die mit Abstand wertvollste Musikbibliothek der Welt und könnten maßgeblich entscheiden, wer was wofür nutzen darf. Also dürften die Kartellbehörden hier eine wettbewerbskonforme Lösung fordern.

Außerdem sind Musikverlage eine Art riesiger Black Box. Besonders bei alten Verträgen und Rechten kann es passieren, dass Rechteketten nicht vollständig nachweisbar sind. Bewertungen von Musikverlagen im Zuge einer Fusion verlangen also zum einen enorme Arbeit und Zeit – die die beiden Partner nicht haben –, und zum anderen bergen sie hohe Risiken. Was passiert, wenn sich zeigt, dass das eine oder andere sicher geglaubte Recht überhaupt nicht beim Verlag liegt?

Die Situation ist ohnehin schon verwirrend genug. Rechte des BMG-Künstlers Dieter Bohlen etwa liegen aus alten Zeiten auch beim Verlag des Konkurrenten Warner Chapel. Das ist üblich in einer Branche, in der die Künstler ihre Unternehmen von Zeit zu Zeit wechseln.

Zusammengelegt werden nur die Kreativabteilungen, die so genannten „Labels“. Sie nehmen Künstler unter Vertrag und bauen die Karrieren auf. Die Einnahmen aus den CD-Verkäufen – so war es jedenfalls bisher – stehen den Labels dann zu. Hier ergänzen sich die Partner sehr gut. Sony brilliert mit einem enormen Aufgebot internationaler Top-Stars von David Bowie bis Jennifer Lopez. BMG wiederum tummelt sich erfolgreich in vielen Märkten mit lokalen Künstlern; In Deutschland macht BMG fast 80 % des Umsatzes mit nationalen Künstlern, hat aber seit dem Tod von Elvis spürbare Schwächen im Superstar Angebot.

Das Gespann Sony – BMG hat jetzt gute Chancen, als Erster bei den Kartellwächtern in Brüssel durch die Tür zu kommen. Das ist wichtig, weil allgemein erwartet wird, dass nur noch eine Megafusion in der Plattenindustrie trotz dramatischer Umsatzeinbrüche genehmigt werden wird. Denn schon heute beherrschen nur fünf große Unternehmen faktisch einen Weltmarkt, der durch Internetpiraterie und CD-Brenner Jahr für Jahr höhere Umsatzverluste verzeichnet. Bald dürften dann vier Unternehmen regieren, und der neue Riese Sony BMG hätte mit knapp 25 % Marktanteil den zweiten Platz.

Emi und Warner Music sind jetzt am Zug, doch noch den besseren Fusionsvorschlag abzuliefern. Offenbar ist Emi-Chef Alain Levy bereits in New York und bespricht mit Wettbewerbsspezialisten das juristische Vorgehen in Washington und Brüssel. Also ab auf die Zielgerade.

Doch zum Aufatmen ist es für alle Beteiligten entschieden zu früh. Es werden weiter Arbeitsplätze wegfallen, das ist allen klar. Die Kosten müssen fallen, sonst macht keine der beabsichtigten Fusionen überhaupt einen Sinn.

Doch der Weg ist lang. Top-Künstler und Manager müssen bei Fusionen stets durch hohe Geldzahlungen „bei Laune“ gehalten werden, verrät ein Insider, der mehrere Fusionen begleitet hat. Die fusionierten Unternehmen – welche auch immer – werden sich mitten in der tiefsten Branchenkrise seit Jahrzehnten also intensiv mit sich selber beschäftigen müssen. Die Probleme fangen gerade erst an. Gerade die Musikverlage werden von den Wettbewerbshütern in Brüssel stets kritisch beäugt.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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