Myanmar
Der Kerker bekommt Risse

Außer in Nordkorea herrscht nirgendwo in Asien ein unmenschlicheres Regime als in Myanmar, dem früheren Birma. Die anschwellenden Massendemonstrationen der vergangenen Tage signalisieren, dass das Fass der Tränen allmählich überläuft. Doch die neurotische Junta in Rangun hat mächtige Verbündete im Rücken, die sich um Menschenrechte wenig scheren. Eine Analyse von Oliver Müller
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NEU DELHI. An der Macht hält sich das Militär mit ethnischen Säuberungen, willkürlichen Exekutionen, organisierter Vergewaltigung, Folter, Zwangsarbeit und der Verhaftung selbst sanfter Kritiker. Entwicklungsdiktaturen wie China und Vietnam, die den Spagat zwischen Repression und Wohlstand zumindest versuchen, sind den Generälen kein Beispiel. Während die Kräfte der Globalisierung im Rest Asiens Millionen aus der Armut befreien, versinkt ihr berückend schönes und an Rohstoffen reiches Land immer tiefer im Elend. Die Birmanen haben sich als eines der leidensfähigsten Völker der Welt erwiesen.

Doch die anschwellenden Massendemonstrationen der vergangenen Tage signalisieren, dass das Fass der Tränen allmählich überläuft. Noch ist kein Dammbruch zu erkennen, der die Junta schnell davonschwemmen würde. Dazu müsste eine terrorisierte Bevölkerung ihre Angst überwinden und in größeren Massen auf die Straßen strömen. Aber eines zeigen die Protestmärsche von Zehntausenden Mönchen, denen sich immer mehr Bürger anschließen: Der Kerker Birma bekommt Risse.

Seit zwei Jahrzehnten sahen sich die Machthaber keiner vergleichbaren Herausforderung gegenüber. Besonders alarmierend für sie: Die Mönche solidarisieren sich mit der Ikone der niedergeschlagenen Demokratiebewegung, Aung San Suu Kyi. Weil die Friedensnobelpreisträgerin ungebrochen populär ist, lebt sie seit Jahren zwischen Gefängnis und Hausarrest, wie viele ihrer Anhänger.

Nun finden ihre Forderungen wieder ein öffentliches Echo: „Wir erklären die Militärdespoten, die unser Volk in die Armut stürzen, zum gemeinsamen Feind aller Bürger“, verbreitet die Allianz der Mönche und verspricht: „Wir machen weiter, bis die Diktatoren aus dem Land gejagt sind.“ Dass deren Schergen bislang nicht einschreiten, zeugt von tiefer Verunsicherung. Die letzte Freiheitsbewegung endete 1988 in einem Blutbad unter Studenten, damals die Speerspitze des Protests. Doch Birmas Mönche sind die oberste moralische Autorität eines tief buddhistischen Landes. Gewalt gegen die Geistlichen in den rostroten Gewändern könnte die Armee spalten und das Land in einen Bürgerkrieg reißen.

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