Nach dem Urteil des Landesarbeitsgerichts
Für Bahnkunden wird es ungemütlich

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Nun wird das Streikchaos erst richtig losgehen: Nachdem das Landesarbeitsgericht in Chemnitz am Freitagnachmittag der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) das Recht zugesprochen hat, die Bahn nicht nur im Nahverkehr, sondern auch im Fernverkehr und im Güterverkehr zu bestreiken, können sich die Bahnkunden warm anziehen – und zwar die, die selbst fahren, und gleichermaßen die, die transportieren lassen wollen. Das Verhältnis zwischen Bahn und Gewerkschaft ist derart aufgeladen, dass wohl mit dem Schlimmsten zu rechnen ist.

Wer die letzten verbalen Ausfälle des GDL-Bosses Schell in einem Interview gelesen hat, kann sich vorstellen, dass die Arbeitnehmervertreter jetzt erst einmal bar jeder Vernunft zuschlagen werden. Mal sehen wie lang, denn der Stimmungsumschwung in der Öffentlichkeit ist schon spürbar. Der Unmut über die Interessenvertretung einer kleinen, gut organisierten Gruppe von Facharbeitern – mehr sind die Lokführer im Gegensatz zu Piloten oder Krankenhausärzten nun einmal nicht – wird sich bald regen. Ganz schnell wird dann auch das Wort „Erpressung“ fallen. Zumal solange, wie die GDL Angebote der Arbeitgeberseite gewissermaßen vom Kur-Bett ihres Vorsitzenden aus lauthals ignoriert und nicht einmal zu Verhandlungen bereit scheint.

Auf der anderen Seite wird sich der Bahn-Vorstand etwas einfallen lassen müssen, wie auch immer das Paket aussehen mag. Möglicherweise muss er die bittere Pille schlucken, dass die im Sommer bereits beendeten Tarifverhandlungen mit den bei der Transnet und der GDBA organisierten Gewerkschaften wieder aufleben. Wenn die GDL unter dem Strich mehr herausholt für ihre Mitglieder, stehen die anderen beiden Arbeitnehmer-Organisationen schnell auf und wollen auch mehr. Eine entsprechende Klausel haben sie sich in ihrem Abschluss vom Juli eingebaut.

Unter dem Strich wird die Bahn am Ende kräftig steigende Personalkosten haben. Diese muss das Unternehmen auffangen, steht es doch verschärft im Wettbewerb. Gerade im Nahverkehr kann man das gut beobachten: Überall dort, wo die Konzerntochter DB Regio im Wettbewerb um Verkehrsleistungen das Nachsehen gegenüber den Konkurrenten hat, verliert sie Marktanteile. Und wo andere Bahnen fahren, braucht sie auch keine Lokführer mehr.

Nicht anders im Güterverkehr, in dem sie in den letzten Jahren Marktanteile gewonnen hat. Wenn eine irrlichternde Lokführer-Gewerkschaft die Schiene wieder unzuverlässig macht, wird die Wirtschaft im großen Stil abwandern, zurück zum LKW. Abgesehen von den Klimawirkungen: Wenn weniger Züge fahren, dann werden auch dort weniger Lokführer gebraucht.

Für Bahnchef Hartmut Mehdorn kommt es im Augenblick ganz dicke. Am Sonntag ist wohl mit der Beerdigung der bisherigen Pläne einer Teilprivatisierung des Konzerns zu rechnen, und vermutlich werden gleichzeitig die GDLer berichten, wie sie die Daumenschrauben anziehen werden. Ob Mehdorn schon bedauert, dass er seinen Vertrag verlängert hat?

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