Nach dem Verkauf von JP Morgan
Der Fall Bear Stearns - welche Gefahr droht

Der Fall von Bear Stearns zeigt, wie schnell ein angeschlagenes Geschäftsmodell völlig in die Binsen gehen kann, wenn die Märkte immer weiter unter Druck geraten. Tief sitzt der Schock über den Zusammenbruch der Investment-Bank. Und es sind noch eine Menge Frage offen. Eine Analyse.
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Der Fall von Bear Stearns zeigt, wie schnell ein angeschlagenes Geschäftsmodell völlig in die Binsen gehen kann, wenn die Märkte immer weiter unter Druck geraten. Die einstmals stolze Investment-Bank, die sogar die Krise 1929 ohne große Probleme überstanden hat, war voll gepumpt mit Wertpapieren, die letztlich durch den US-Immobilienmarkt besichert waren. Die Refinanzierung war sehr eng auf Kante genäht, so hat die Bank mit wenig eigenem Kapital gelebt. Das ist der übliche Trick, mit dem auch Private-Equity-Häuser arbeiten: Die hohe Verschuldung hebelt die Eigenkapital-Rendite nach oben.

Das Problem: Der Markt muss nur wenig nach unten gehen, und von dem Eigenkapital ist de facto nichts mehr übrig. Genau das ist passiert. Hedge-Fonds warfen in Notverkäufen Papiere auf den Markt, weil sie "Margin Calls" von ihren Kreditinstituten bekamen. Also ihre Banken haben gesagt: Entweder ihr legt mehr Liquidität als Sicherheit herein oder müsst verkaufen. Dadurch kam der Markt so weit unter Druck, dass für Bear Stearns die Bilanz und damit das ganze Geschäftsmodell plötzlich zerschmolzen ist. Die einzige Möglichkeit, eine Pleite zu verhindern, war eine schnelle Übernahme.

Der Fall wirft eine Menge Fragen auf. Die erste lautet: Bedroht ein derartiger Zusammenbruch eines Wall-Street-Hauses die Stabilität des gesamten Finanzsystems? Die Antwort lautet eindeutig Ja. Wäre es anders, dann hätte die US-Notenbank (Fed) nicht ihre Arme ausgebreitet. Und ohne den Schutz durch die Fed hätte JP Morgan Bear Stearns nicht übernommen.

Die gute Nachricht lautet aber: Die Fed und die US-Regierung werden keinen Bankzusammenbruch zulassen. Selbst wenn noch größere Probleme auftauchen: Fed-Chef Ben Bernanke wird im Zweifel alles garantieren, beleihen oder aufkaufen, was notwendig ist, damit es nicht zum großen Knall kommt. Er wird sich von Kritik nicht beeindrucken lassen und sämtliche Ängste, dass so der Keim zur nächsten Spekulationsblase gelegt wird, zunächst einmal bei Seite schieben. Eine weitere gute Nachricht: Bear Stearns verschwindet als selbstständiges Geldhaus. Diese Lösung ist sauberer, als angeschlagene Banken zu retten und weiter allein schwimmen zu lassen.

Die zweite Frage lautet: Was bedeutet das für die Aktien? Die Finanzwerte werden weiter auf Talfahrt bleiben. Das Misstrauen gegenüber der gesamten Branche steigt noch weiter. Die Hoffnung, dass wir bald "durch" sind mit der Krise, hat sich verflüchtigt. Es zeigt sich, dass wir lediglich eine neue Phase erleben. Nachdem zunächst, zum großen Erstaunen der meisten Beobachter, die Hedge-Fonds keine große Rolle bei der Finanzkrise gespielt haben, rücken sie jetzt in den Mittelpunkt des Geschehens. Es zeigt sich auch: Manche haben zu früh ein Ende der Krise gewettet und sich damit verhoben.

Dritte Frage: Was kann noch passieren? Möglicherweise werden wir schon im Laufe dieser Woche schlechte Zahlen von Goldman Sachs sehen. Der Chef der Investment Bank hat bereits Andeutungen in diese Richtung gemacht. Wenn es dort hereinhagelt, dann ist die letzte Ikone der Wall Street beschädigt. Es stellt sich auch die Frage, ob die Deutsche Bank, die bisher glimplich davon kam, noch einmal Teile ihres Bestands an unverkäuflichen Großkrediten abschreiben muss.

Was können die Notenbank tun? Sie tun schon eine Menge. Die Fed, aber auch die Europäische Zentralbank (EZB) haben immer wieder mit Finanzspritzen den Markt flüssig gehalten. Die Fed wird im Zweifel auch radikal die Zinsen senken, damit aber immer weniger ausrichten - außer einer Schwächung des Dollars. Die EZB wird möglicherweise doch noch die Zinsen senken, damit die Weltwirtschaft nicht zwischen dem Dollar- und dem Euroraum auseinanderreißt. Das alles wird aber nicht verhindern, dass die Kapitalmärkte unter Druck bleiben. Mehr als eine Panik zu vermeiden können die Notenbanken wahrscheinlich gar nicht leisten. Aber man darf auch nicht vergessen: Die "reale" Wirtschaft läuft, auch in Deutschland, immer noch sehr gut. Die Finanzkrise ist ernst. sehr ernst, aber sie finden in einer starken Wirtschaft statt.

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