Nach WM-Aus
Deutschland lacht

In der Nacht der Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien zeigen TV-Bilder eine Gruppe junger Leute, die vor sich, mitten auf der Straße, eine Deutschland-Fahne ausbreiten und mit nacktem Oberkörper auf die Knie fallen. Was hätten die Zuschauer vor einem Monat gedacht, wie wären diese Bilder kommentiert worden? Rechtsradikale? Verrückte? Abordnung eines Satire-Magazins?

Nach vier Wochen Weltmeisterschaft aber sind es „Fans der deutschen Mannschaft, die sich trotz der Niederlage über die tolle Leistung freuen“. Ganz normal, ganz einfach. Deutschland lacht, ja, lacht selbst in der Niederlage. Die Deutschen haben Deutschland entdeckt während dieser WM. Sie haben sich die Nationalfarben auf die Wangen geschminkt, sich Fahnen an die Autos gesteckt und den Adler zum Lieblingstier erkoren und so diese Symbolik den Stammtischbrüdern und Rechtsradikalen geraubt. Mit so radikaler Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, dass die angekündigten Demonstrationen von Neonazis einfach verpufften.

Wer glaubt, hofft oder fürchtet, hier erwüchse ein neues Volk der Patrioten, der irrt. „Wir pfeifen auf die Fahnen, aber wir lieben dieses Land“, schrieb Kurt Tucholsky einst – nun ist es fast umgekehrt. Es ist ein Fußball-Party-Patriotismus, der Einzug gehalten hat: Schwarz-rot-goldene Hula-Ketten werden umgehängt, T-Shirts mit Bundesadler getragen, um Teil eines größeren Ganzen zu sein, weil man jubeln möchte mit den Siegern. Und feiern. Endlich wieder feiern nach all den Sorgen um Jobverlust und Hartz IV.

Schon bald werden die schwarz-rot-goldenen Autofahnen ersetzt durch Varianten in Vereinsfarben und die Nationalmannschaftstrikots weggelegt bis zur Europameisterschaft. Und doch hat sich etwas verändert. Die Bundesbürger haben erfahren, dass es nichts Schlimmes ist, sich auf die Seite des Heimatlandes zu schlagen. Beim Halbfinale, irgendwann, mittendrin, intonierten die Fans die Nationalhymne, so wie es Engländer oder Franzosen auch tun.

Deutschland ist angekommen in der Normalität. Und es öffnet die Augen und erkennt, dass es viel internationaler ist, als es gedacht hat. Da hängen aus manchem Fenster zwei Fahnen, weil der Ehepartner aus dem Ausland stammt oder die Vorfahren oder einfach weil man gerne in ein anderes Land in Urlaub fährt. Die türkischstämmige Gemeinde übergeht die Nicht-Qualifikation ihres Teams für die WM und schwenkt Richtung Klinsis Truppe um.

Im Gegenzug schmückten sich die deutschen Fans, ging es ins Stadion oder auf die Fanfeste, in den Farben ihrer Gäste. Egal ob Jugendliche, die portugiesische Fähnchen für Teeny-Liebling Christiano Ronaldo schwenkten, oder WM-Besucher, die sich im Glücksgefühl, eine Eintrittskarte zu haben, für Trinidad und Tobago ins Zeug warfen. Und die Gäste aus aller Welt sind baff: Deutschland lacht.

In der Planung der WM wollten die Organisatoren etwas anders machen als ihre Vorgänger: Das Turnier sollte nicht Tourismuswerbung werden, sondern Imagepolitur für den gesamten Standort D. Die Überraschung : Am besten ist dieser Plan nicht im Ausland aufgegangen – sondern in Deutschland.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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