Nachfolge von Pischetsrieder
Kommentar: Falsches Signal für VW

Erst schied Bernd Pischetsrieder wegen anhaltenden Misserfolgs beim Münchener BMW-Konzern als Konzernboss aus. Jetzt widerfährt dem Automanager auch bei VW dasselbe Schicksal. Sein Nachfolger wird Audi-Chef Martin Winterkorn, die beste Lösung ist das jedoch nicht.

Es ist in der Tat ein einmaliges Ereignis in der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Erstmals muss der Vorstandschef eines großen Autokonzerns auch bei seinem zweiten Arbeitgeber vorzeitig den Schreibtisch räumen und das Unternehmen verlassen. Bernd Pischetsrieder war Anfang 1999 wegen anhaltenden Misserfolgs beim Münchener BMW-Konzern als Konzernboss ausgeschieden, jetzt widerfährt dem Automanager auch bei VW in Wolfsburg dasselbe Schicksal.

Die Bilanz von Pischetsrieder ist zwiespältig. Zuletzt gab es erste Erfolge bei der Sanierung der Hauptmarke VW, und auch bei der sich abzeichnenden LKW-Ehe mit MAN und Scania konnte der scheidende VW-Chef wichtige Punkte machen. Doch in zentralen Fragen tritt der Wolfsburger Autokonzern immer noch auf der Stelle. In Sachen Produktivität hängt das Unternehmen meilenweit hinter den Top-Unternehmen der Branche her. In den deutschen Werken ist in den gut vier Jahren unter Konzernchef Pischetsrieder nicht viel passiert. Die Kosten sind im Vergleich zu den Marktführern wie Toyota und Honda immer noch viel zu hoch, die IG Metall konnte wegen ihres starken Einflusses in Wolfsburg richtungweisende Veränderungen verhindern.

Auch die Rolle der anderen Konzernmarken wie Seat und Skoda im Unternehmensverbund ist ungeklärt. Die spanische Marke Seat ist farblos, hat keine rechte Zukunft mehr und müsste eigentlich ihre Produktion einstellen. Nur eine Marke steht völlig ohne Makel da und sorgt für steten Geldstrom innerhalb des gesamten Konzerns – Audi.

Insofern ist es keine Überraschung, dass der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch jetzt Audi-Chef Martin Winterkorn auf den Spitzenposten im Konzern hebt. Winterkorn ist sein Zögling, genießt sein volles Vertrauen und kann darüber hinaus noch wirtschaftlichen Erfolg vorweisen. Audi hat es tatsächlich geschafft, es mit den Branchengrößen Mercedes und BMW aufzunehmen. Audi ist eine starke Premiummarke mit ausgezeichneten Zukunftsperspektiven. Schon in der Vergangenheit, als der Stuhl von Pischetsrieder bei VW das eine oder andere Mal wackelte, galt Winterkorn deshalb immer als heißer Anwärter auf den Spitzenposten.

Die Misserfolge von Pischetsrieder, die Erfolge von Winterkorn – damit mag die Wahl des Audi-Chefs zum neuen ersten Mann im Konzern verständlich sein. Doch Winterkorn ist schon 59 Jahre alt. Ein Mann also, der dem Unternehmen nur noch für einen vergleichsweise bescheidenen Zeitraum zur Verfügung stehen wird. Der neue Konzernchef ist damit letztlich ein Interimskandidat, der dem komplizierten Gebilde VW kein neues Gesicht mehr geben kann. Aber in der aktuellen Situation hätte der Konzern einen Chef gebraucht, der eine neue Langfriststrategie präsentiert und VW wieder dauerhaft auf Kurs bringt.

Die bessere Lösung wäre unzweifelhaft VW-Markenchef Wolfgang Bernhard gewesen, der seine Saniererqualitäten schon bei Daimler-Chrysler unter Beweis gestellt hatte und deutlich jünger als Winterkorn ist. Doch VW-Oberkontrolleur Piëch setzt lieber auf seinen alten Vertrauten – leider ein falsches Signal für den gesamten Wolfsburger Konzern.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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