Nachgefragt: Andreas Werner
„Was nichts kostet, taugt auch nichts“

Das Handelsblatt sprach mit Andreas Werner, Telekomexperte bei IBM Business Consulting Services in Frankfurt, über die Internet-Telefonie und deren Zukunftsaussichten.

Welche Kinderkrankheiten plagen die Internettelefonie heute noch?

Das Internet hat uns Reichweite gebracht, aber nicht unbedingt Sicherheit und Verlässlichkeit. Die offene Internetarchitektur bedeutet bei der Computertelefonie einen Mangel an Anonymität, sie verhindert, dass Dienste genau abgerechnet und Notrufe zuverlässig abgegeben werden können.

Woran liegt das genau?

Anders als im Telefonnetz gibt es keine permanent bestehenden Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Die Datenpakete suchen sich ihren eigenen Weg. Das hat nicht nur Folgen für die Sprachqualität, also dass zum Beispiel ein Gespräch verzerrt ist. Weil man sich zum Telefonieren an jedem Ort einloggen kann, kann man auch nicht wie im Telefonnetz regional lokalisiert werden, wenn man 110 wählt. Es geht also darum, Eigenschaften aus dem leitungsvermittelten Netz, wie etwa die Identifizierung des Telefonierenden, die Qualität der Sprechverbindung oder die sichere Messbarkeit, wie lange eine Verbindung von wo nach wo besteht, auf die Welt der Internettelefonie zu übertragen.

Aber warum sollen Anbieter messen, wie lange ihre Kunden über das Internetprotokoll (IP) telefonieren? Nur das Herauswählen in die klassischen Netze muss ja bezahlt werden, und dafür gibt Verfahren.

Die Wahrheit ist, dass die Anbieter die Anrufe im IP-Netz gar nicht fassen könnten, selbst wenn sie es wollten. Es ist derzeit schlichtweg nicht möglich, Mehrwertdienste für das Telefon zu nutzen und zum Beispiel bei einer Quizshow mit Günther Jauch anzurufen, weil das nicht abgerechnet werden kann.

Ich kann also kein Fernsehquiz mehr anrufen, aber dafür ansonsten umsonst Telefonieren? Wo ist das Problem?

Solange das nur ein paar Studierende tun, die sich zwischen Deutschland, den USA und Australien austauschen, ist das natürlich noch kein Problem. Aber spätestens wenn alle Bundesbürger nur noch so telefonieren wollen, wird das sozialistische Umlageverfahren, Infrastruktur, die jemand anders bezahlt hat, kostenlos zu benutzen, nicht mehr aufgehen. Irgendwer wird die Struktur bezahlen, warten und pflegen müssen.

Aber kommen Sie mit Appellen gegen die Kostenlosmentalität der Internetnutzer an?

Was nichts kostet, taugt unter Umständen auch nichts. In diesem Netz ist keiner mehr privat, da haben sie eine IP Adresse und jeder kann sie erreichen, ob sie wollen oder nicht. Und wenn Telefongespräche über das Internet nichts kosten, kostet es auch nichts, wenn zum Beispiel ein wenig seriöses Werbeunternehmen das Netz nach geeigneten Opfern durchscannt. Und die könnte es mit nervigen Werbeanrufen bombardieren. Tag und Nacht, denn es ja für das Werbeunternehmen umsonst.

Wie sollte denn Ihrer Ansicht nach die Infrastruktur für die Internettelefonie aussehen?

Wir haben mit der Deutschen Telekom etwas entwickelt, was wir die IP Fabrik nennen. Das ist eine Integrationsplattform für beliebig viele Vertriebskanäle und alle erdenklichen Netzstandards: ISDN, DSL, WLan und so weiter. Wir haben einige Internetknoten der Deutschen Telekom um Server ergänzt, auf denen unsere Software läuft. Dadurch können wir die Länge von Verbindungen genau messen, oder die Medien erkennen, die übertragen werden. Über diese Software können wir also Bezahlsysteme integrieren, Transaktionen abwickeln und die Authentifizierung sicher stellen.

Also eine Art Hochqualitätsnetz zum Bezahlen, das über dem Internet liegt? Das klingt wie Science Fiction.

Diese Vision ist technische Realität. Jetzt kommt es lediglich darauf an, ob sich solche Geschäftsmodelle durchsetzen. Internettelefonie ist nur ein kleiner Teil dessen, was wir realisieren können. Telefongesellschaften, aber auch Verlage oder TV-Sender, die ihre Dienste und Inhalte sicher anbieten wollen, könnten sofort loslegen.

Die Fragen stellte Lars Reppesgaard.

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