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Nachruf auf Václav Havel: Abschied von einem Freund

Vom Dissidenten zum Präsidenten: Mit Vaclav Havel ist ein großer Mann gestorben, dessen Biografie unauslöschlich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verbunden ist.

Oliver Stock
Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online

Václav Havel ist tot. Und es laufen diese Bilder im Kopf ab. Die, von der deutschen Botschaft in Prag, auf deren Balkon Hans Dietrich Genscher die Freiheit für jene DDR-Bürger verkündete, die auf das Gelände geflüchtet waren.

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Václav Havel ist mit 75 Jahren gestorben, und ich denke an die großen historischen Persönlichkeiten, die den eisernen Vorhang gesprengt haben. An Michail Gorbatschow, an Helmut Kohl, an die Menschen vor den Kirchen von Leipzig und Dresden, an die Revolutionäre von Rumänien, denen es erst Monate später gelang, sich von ihren Tyrannen zu befreien.

Václav Havel ist tot, der Dichterpräsident, der aus dem Gefängnis an die Staatsspitze marschierte. Dessen Theaterstücke erst verboten, dann gefeiert wurden. Den Mann der Worte, der daraus eine Tat machte.

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Timothy Garton Ash, der britische Historiker der Wendezeit, hat den deutschen Realismus der Epoche von Willy Brandt gewürdigt - um dann anzuschließen: Brandt und seine Denkschule unterschätzten den Wert der Opferbereitschaft, den tiefen Realismus der Idealisten, selbst den von Träumern wie Havel und seinem zeitweiligen Außenminister Jiri Dienstbier.

Dieser Träumer ist nun fort. Sein erster Traum nach der Revolution, die ihn an die Spitze des Staates geführt hatte, brachte ihn hierher nach Deutschland. Er besuchte unser Land noch bevor er die Slowakei betrat, die sich gerade von Tschechien gelöst hatte. Er entschuldigte sich für die Vertreibungen der Nachkriegszeit und machte deutlich, dass er nicht zu den Rechnern gehörte, die ein Übel gegen das andere abwogen.

Havel hat versucht, sein dichterisches Ideal in Politik umzusetzen. Dass er daran gescheitert ist, macht ihn nicht kleiner. Wir Deutschen haben einen Freund verloren.

Stationen eines kämpferischen Lebens

  • 5. Oktober 1936

    Vaclav Havel wird als Sohn eines Bauunternehmers geboren. Nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und der Verstaatlichung muss sein Vater als Büroangestellter arbeiten.

  • 1951

    Wegen seiner „bourgeoisen“ Herkunft wird Vaclav Havel an der Ausbildung gehindert. Von 1951 an absolviert er eine Lehre als Chemielaborant und holt 1954 an einem Abendgymnasium das Abitur nach.

  • 1960

    Von 1960 an arbeitet Havel am Prager „Theater am Geländer“ als Dramaturg und Hausautor. In seinen Dramen persifliert er das totalitäre Staatssystem und die Bürokratie.

  • 1964

    Havel heiratet Olga Splichalova. Sie stirbt 1996 an Krebs.

  • 1968

    Während des „Prager Frühlings“ engagiert sich Havel als Vorsitzender des „Clubs unabhängiger Schriftsteller“. Da für seine Werke ab 1968 im gesamten Ostblock ein Veröffentlichungsverbot gilt, verdient er sein Geld als Hilfsarbeiter in einer Brauerei. In den 70er Jahren spielen rund 60 deutschsprachige Bühnen seine Stücke mit großem Erfolg.

  • 1977

    Havel wird Mitbegründer und Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“. In der Folgezeit wird er mehrfach festgenommen und wegen „staatsfeindlicher“ Aktivitäten zu insgesamt fünf Jahren Haft verurteilt.

  • Dezember 1989

    Nach der „Samtenen Revolution“ wird Havel einstimmig zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten der CSSR bestimmt.

  • Januar 1993

    Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei in zwei eigenständige Republiken wird der parteilose Havel vom Parlament in Prag zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt.

  • Dezember 1996

    Ärzte diagnostizieren bei Havel Lungenkrebs und entfernen ihm eine bösartige Geschwulst aus dem rechten Lungenflügel. In den Folgejahren muss sich Havel unter anderem einer Notoperation unterziehen.

  • Januar 1997

    Havel heiratet die 43-jährige Schauspielerin Dagmar Veskrnova.

  • Januar 1998

    Das Parlament wählt Havel in der zweiten Runde für eine letzte Amtszeit als Präsident wieder.

  • Februar 2003

    Havel scheidet aus dem Amt.

  • Mai 2006

    Mit seiner Autobiografie „Fassen Sie sich bitte kurz“ feiert Havel nach 15 Jahren ein Comeback als Schriftsteller.

  • Mai 2008

    Die Premierenaufführung seines Stücks „Abgang“ im Prager Theater Archa wird von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen.

  • Januar 2009

    Nach der Entfernung eines Abszesses im Halsbereich verschlechtert sich Havels Zustand dramatisch. Die Ärzte fürchten wegen einer Lungenentzündung um sein Leben.

  • Sommer 2010

    In der für ihn neuen Rolle des Regisseurs verfilmt Havel auf einem Schloss in Nordböhmen seine Tragikomödie „Abgang“.

  • März 2011

    Havel wird mit einer akuten Lungenentzündung in ein Prager Krankenhaus eingeliefert. Nach der Behandlung mit Antibiotika verlässt er die Klinik, um wenige Tage später im Prager Lucerna-Kino sein Debüt als Filmregisseur zu präsentieren. Die Verfilmung seines Theaterstücks „Abgang“ erhält gemischte Kritiken.

  • Ende März 2011

    Havel zieht sich zur Erholung von seiner jüngsten Lungenentzündung aufs Land zurück. Auf Anraten seiner Ärzte sagt er alle Termine ab.

  • Dezember 2011

    Havel richtet einen Appell an die Öffentlichkeit, Dissidenten in aller Welt zu unterstützen. Mitunterzeichner sind der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, und der französische Ex-Außenminister Bernard Kouchner.

  • 18. Dezember 2011

    Havel stirbt auf seinem Gut nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek.

  • 23.12.2011, 22:39 UhrAnonymer Benutzer: Maxwell

    Ich denke ebenfalls die Einseitige Berichterstattung vom Handelsblatt .Vaclav Havel war ein Mann der Zeitgeschichte wie Brand.Keinesfalls mit der Art von Politikern wie Wulf zu vergleichen.Ich war Anfang der neunziger Jahre oft in Prag und habe den "Geist der Veränderung"im Lande gespürt.Wir Deutsche haben Ihm sehr viel zu Verdanken.

  • 18.12.2011, 22:56 UhrAnonymer Benutzer: Beobachter

    Während sich dieses inzwischen grottenschlechte Blatt mit blinder Verve auf den amtierenden Bundespräsidenten stürzt als sei kein Morgen in Deutschland, verfehlt es jede Möglichkeit, einen der wichtigsten Wegbereiter der Öffnung Europas zu würdigen und schafft es gerade noch mit einem einspaltigen Kommentar in der Printausgabe des morgigen Tages dieses echten europäischen Liberalen zu gedenken -
    das ist doch einfach nur miserabel.

  • 18.12.2011, 20:05 Uhrdmg

    ein ganz Grosser. Ein Europäer. Mit Idealen und nicht getrieben von kurzsichtiger Machtpolitik.
    Auch heute noch gibt es Ideale, z.B. Liberalismus (=die Freiheit des Einzelnen möglichst Gross zu lassen, so lang bis sie die Freiheiten der Anderen verletzt) oder Europa (wir halten zusammen, wir wollen nie wieder Krieg, wir wollen es politisch und ökonomisch gemeinsam besser machen) oder meinetwegen auch Sozialismus (=wir wollen anderen Alles abnehmen und eine Elite weiss wissenschaftlich bewiesen was besser für die Menschen ist und zwingt sie notfalls dazu). Leider steht heute niemand mehr für Ideale und Ziele sondern alles vermischt. Populismus. Führt zu Schulden, wirren und kurzfristigen Entscheideungen getrieben von BILD, MOPO und WAZ ... Weil man sich nicht, wie Havel, immer wieder an seinen Idealen kalibriert.

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