Nachruf auf Václav Havel: Abschied von einem Freund

Nachruf auf Václav Havel
Abschied von einem Freund

Vom Dissidenten zum Präsidenten: Mit Vaclav Havel ist ein großer Mann gestorben, dessen Biografie unauslöschlich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verbunden ist.
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Václav Havel ist tot. Und es laufen diese Bilder im Kopf ab. Die, von der deutschen Botschaft in Prag, auf deren Balkon Hans Dietrich Genscher die Freiheit für jene DDR-Bürger verkündete, die auf das Gelände geflüchtet waren.

Václav Havel ist mit 75 Jahren gestorben, und ich denke an die großen historischen Persönlichkeiten, die den eisernen Vorhang gesprengt haben. An Michail Gorbatschow, an Helmut Kohl, an die Menschen vor den Kirchen von Leipzig und Dresden, an die Revolutionäre von Rumänien, denen es erst Monate später gelang, sich von ihren Tyrannen zu befreien.

Václav Havel ist tot, der Dichterpräsident, der aus dem Gefängnis an die Staatsspitze marschierte. Dessen Theaterstücke erst verboten, dann gefeiert wurden. Den Mann der Worte, der daraus eine Tat machte.

Timothy Garton Ash, der britische Historiker der Wendezeit, hat den deutschen Realismus der Epoche von Willy Brandt gewürdigt - um dann anzuschließen: Brandt und seine Denkschule unterschätzten den Wert der Opferbereitschaft, den tiefen Realismus der Idealisten, selbst den von Träumern wie Havel und seinem zeitweiligen Außenminister Jiri Dienstbier.

Dieser Träumer ist nun fort. Sein erster Traum nach der Revolution, die ihn an die Spitze des Staates geführt hatte, brachte ihn hierher nach Deutschland. Er besuchte unser Land noch bevor er die Slowakei betrat, die sich gerade von Tschechien gelöst hatte. Er entschuldigte sich für die Vertreibungen der Nachkriegszeit und machte deutlich, dass er nicht zu den Rechnern gehörte, die ein Übel gegen das andere abwogen.

Havel hat versucht, sein dichterisches Ideal in Politik umzusetzen. Dass er daran gescheitert ist, macht ihn nicht kleiner. Wir Deutschen haben einen Freund verloren.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Nachruf auf Václav Havel: Abschied von einem Freund"

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  • Ich denke ebenfalls die Einseitige Berichterstattung vom Handelsblatt .Vaclav Havel war ein Mann der Zeitgeschichte wie Brand.Keinesfalls mit der Art von Politikern wie Wulf zu vergleichen.Ich war Anfang der neunziger Jahre oft in Prag und habe den "Geist der Veränderung"im Lande gespürt.Wir Deutsche haben Ihm sehr viel zu Verdanken.

  • Während sich dieses inzwischen grottenschlechte Blatt mit blinder Verve auf den amtierenden Bundespräsidenten stürzt als sei kein Morgen in Deutschland, verfehlt es jede Möglichkeit, einen der wichtigsten Wegbereiter der Öffnung Europas zu würdigen und schafft es gerade noch mit einem einspaltigen Kommentar in der Printausgabe des morgigen Tages dieses echten europäischen Liberalen zu gedenken -
    das ist doch einfach nur miserabel.

  • ein ganz Grosser. Ein Europäer. Mit Idealen und nicht getrieben von kurzsichtiger Machtpolitik.
    Auch heute noch gibt es Ideale, z.B. Liberalismus (=die Freiheit des Einzelnen möglichst Gross zu lassen, so lang bis sie die Freiheiten der Anderen verletzt) oder Europa (wir halten zusammen, wir wollen nie wieder Krieg, wir wollen es politisch und ökonomisch gemeinsam besser machen) oder meinetwegen auch Sozialismus (=wir wollen anderen Alles abnehmen und eine Elite weiss wissenschaftlich bewiesen was besser für die Menschen ist und zwingt sie notfalls dazu). Leider steht heute niemand mehr für Ideale und Ziele sondern alles vermischt. Populismus. Führt zu Schulden, wirren und kurzfristigen Entscheideungen getrieben von BILD, MOPO und WAZ ... Weil man sich nicht, wie Havel, immer wieder an seinen Idealen kalibriert.

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