Naher Osten
Die syrische Karte

Für US-Präsident George W. Bush ist der Fall klar: Syrien ist ein „Schurkenstaat“. Bush beschuldigt die Regierung in Damaskus, Unruhen im Irak anzustacheln und Dschihadisten zu ermuntern, über Syrien in den Irak einzusickern, um dort US-Soldaten zu töten. Damaskus wird zudem eine Unterstützung der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen und der Hisbollah im Libanon vorgeworfen. US-Außenministerin Condoleezza Rice, die in dieser Woche in Nahost auf Tour ist, hat denn auch keinen Zwischenstopp in Damaskus eingeplant.
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Syriens Präsident Bashir el Assad ist zwar ein schwieriger Verhandlungspartner. Aber er könnte schon bald ein nützlicher Verbündeter im Kampf gegen den fanatischen Islam sein. Die Türkei versucht gerade, zwischen den beiden Erzfeinden Israel und Syrien zu vermitteln. Der säkulare Assad wäre in der Lage, einen Wall gegen die Ausbreitung des Schiitengürtels zu bilden. Das setzt allerdings voraus, dass der Westen Assad entsprechend motivieren kann. Sogar israelische Militärs warnen davor, Syrien zu isolieren. Obwohl Syrien von den USA boykottiert wird, entwickelt sich das Land wirtschaftlich erstaunlich gut. Der Norden von Damaskus wirkt heute wie eine westliche Stadt. Moderne Autos und ein Bauboom zeugen von einem neuen Wohlstand, von dem allerdings nur eine kleine, einflussreiche Kaste von Geschäftsleuten und Regimetreuen profitiert.

Der Geldsegen vor allem aus Saudi-Arabien ist an eine klare Bedingung geknüpft: Er wird nur denen zuteil, die sich schicklich kleiden, ein religiöses Leben führen und brav den Koran auswendig lernen. Mit diesem Druckmittel wollen die Spender ihre Weltanschauung in der säkularen Levante sukzessive durchsetzen. Und sie sind zunehmend erfolgreich, wie sich auch in Syrien zeigt: Immer mehr Frauen tragen ein Kopftuch, immer häufiger werden Kurse in Moscheen besucht, nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Hauptstadt. Nur Assads Regime ist mit seinem Polizeiapparat ein Garant dafür, dass die Moslembrüder nicht die Macht an sich reißen. Doch Syrien ist nicht nur in den Einflussbereich des sunnitischen Islams geraten. Assad ist militärisch, politisch und wirtschaftlich von den Ajatollahs in Teheran abhängig. Damaskus, das mit Teheran einen Verteidigungspakt geschlossen hat, gewährt den von Teheran unterstützten Organisationen wie Hamas oder Islamischer Dschihad seit Jahren Gastrecht. Zudem hilft Syrien den schiitischen Hisbollahmilizen, einer Stellvertreterarmee der iranischen Revolutionswächter. Von Assad zu erwarten, die Freundschaft mit Teheran aufzukündigen, ohne vom Westen akzeptiert zu werden, wäre unrealistisch. Er will Vorleistungen sehen. Die USA müssten die Wirtschaftssanktionen rückgängig machen, Israel müsste die syrischen Golanhöhen zurückgeben, die es seit 1967 besetzt hält.

Zwar litt Assads Selbstsicherheit empfindlich, als er im September eine Niederlage hinnehmen musste: Ein israelischer Luftangriff auf eine strategische Militäranlage offenbarte die Schwächen der syrischen Armee. Doch aus der Sicht Syriens überwiegen die positiven Entwicklungen. Die USA scheitern im Irak, und die Hisbollah hat Israels Armee im vergangenen Jahr einen empfindlichen Schlag versetzt.

Assad ist nicht zu unterschätzen. Als er vor sieben Jahren die Nachfolge seines Vaters antrat, prophezeiten ihm viele Beobachter nur eine kurze Regentschaft: Der junge Präsident sei unerfahren und habe im Militär keine Machtbasis, auf die er sich verlassen könne. Andere erhofften sich von ihm einen syrischen Frühling in Form von Wirtschaftsreformen und einer Öffnung zum Westen. Doch es kam anders. Assad sitzt fest im Sattel und hat seine internen Gegner ausgeschaltet. Er hat das Unterdrückungsregime seines Vaters perfektioniert und seine Macht abgesichert. Eine interne Opposition hat er kaum zu fürchten. Assad sieht keinen Grund, die Beziehungen zur Hamas, zur Hisbollah oder zu Teheran neu zu überdenken, solange sein Land von Washington als Schurkenstaat behandelt wird. Sollte die US-Regierung ihre Einstellung gegenüber Assad aber ändern, könnte er zu Iran, dessen Ideologie er ohnehin nicht schätzt, auf Distanz gehen. Man sollte Assad auf die Probe stellen.

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