Naher Osten
Konflikt der Statthalter

Russland spielt in Georgien mit den Muskeln - und das hat nicht nur Auswirkungen im Kaukasus. Das neue Selbstbewusstsein des Kremls beeinflusst ebenso die geostrategische Entwicklung im Orient.

Es verschärft die bestehenden Konflikte und sorgt für neue Krisenherde: von Palästina über Syrien bis nach Iran. Die "Renaissance" der Russen führt zu einer Verschiebung der Kräfte in der ölreichen Region zuungunsten der USA. Die amerikanische Position im Nahen Osten ist schwächer geworden. So musste in Pakistan zum Beispiel der US-Verbündete Pervez Musharraf das Büro räumen, obwohl Washington versucht hatte, ihn im Amt zu lassen. Wie einst im Kalten Krieg stellen sich die arabischen Staaten auf die Seite Russlands. Dadurch ergibt sich erneut ein strategischer Wettbewerb zwischen Moskau und Washington, was die regionalen Spielregeln grundlegend verändert. So wird auch die israelisch-palästinensische Dauerkrise wieder zum Statthalterkonflikt: Die USA stehen Russland gegenüber.

In keinem anderen Teil der Welt erfährt Russland mehr Sympathiebezeugungen, Verständnis und Unterstützung für das kriegerische Vorgehen in Georgien als im Nahen Osten. Auffällig ist zwar, dass die iranische Diplomatie das russische Vorgehen im Kaukasus lediglich neutral kommentiert hat. Russland und Iran sind ideologisch weit voneinander entfernt, und ihre bilaterale Geschichte war wiederholt von Animositäten und Kriegen geprägt. So führte zum Beispiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine persische Niederlage gegen Russland zum Verlust Georgiens. Im arabischen Raum aber stößt Russland auf Zustimmung. Nicht nur der syrische Präsident, der libysche Revolutionsführer und die Führung der radikal-islamistischen Hamas loben Russlands martialische Aktionen im Kaukasus. Sogar der jordanische König, einer der treuesten Verbündeten des Westens, preist Moskaus Vorgehen gegen Georgien. Und er wünscht sich deshalb konsequenterweise ein stärkeres Engagement der Russen im nahöstlichen Friedensprozess.

Die neue Rolle Moskaus lässt sich am illustren Besucherstrom ablesen, den die russische Diplomatie zu bewältigen hat. Der syrische Präsident Bashir Assad suchte in der vergangenen Woche das Gespräch mit der russischen Führung, der jordanische König offerierte humanitäre Hilfe für Südossetien. Auch die israelische Regierung anerkennt die neue Bedeutung Moskaus im nahöstlichen Rüstungswettlauf. Bevor seine Amtszeit zu Ende geht, will Premier Ehud Olmert in Moskau die russische Regierung von der Gefährlichkeit überzeugen, Raketen mit Offensivcharakter an Damaskus zu liefern.

Moskau sendet zwar beruhigende Botschaften an den Westen aus. Es werde keine Waffen liefern, die das derzeitige strategische Gleichgewicht durcheinanderbringen. Dennoch hat Russland von Damaskus bereits Angebote erhalten, am syrischen Mittelmeerhafen Tartous Flugzeugträger und U-Boote zu stationieren. Das würde die Dominanz der amerikanischen Flotte in der Region infrage stellen.

Russland umwirbt den Präsidenten Syriens als ersten nahöstlichen Politiker, weil dieser Anzeichen macht, sich dem Westen anzunähern. Seit einigen Monaten laufen unter türkischer Vermittlung Geheimverhandlungen mit Israel. Assad versucht zudem, Beziehungen zu den USA aufzunehmen. Wenn es Moskau gelingt, Assad auf seine Seite zu ziehen, könnte das zum Abbruch der Friedensbemühungen führen.

Das neue Rollenverständnis Moskaus hat auch Auswirkungen auf die iranische Atomkrise. Moskau gehört zu den traditionellen Waffenverkäufern der Mullahs und unterstützt die Islamische Republik beim Atomprogramm. Jetzt möchte Teheran Moskau und seine neuen Ambitionen im Mittleren Osten benützen, um aus der diplomatischen Isolation auszubrechen. Teheran könnte deshalb versuchen, Moskau und den Westen gegeneinander auszuspielen.

Gemeinsam haben Russland und der Westen bisher im Sicherheitsrat versucht, den iranischen Herrschern die Atombombe mit Sanktionen auszureden. Russland war zwar ein widerspenstiger Partner für den Westen und spielte gerne auf Zeit. Aber letztlich zog man am selben Strick. In einem frostigen Klima würde sich die gemeinsame Front auflösen. Ohne Kooperation Russlands wären Sanktionen gegen Iran aber wertlos.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%