NAHER OSTEN
Verlust der Macht

Die Machtübernahme der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen ist nicht nur für die Palästinenser und deren Streben nach einem eigenen Staat ein Rückschlag.
  • 0

Sie ist auch eine Niederlage für die beiden wichtigsten arabischen Staaten: Ägypten und Saudi-Arabien. Riad investierte viel Prestige, um eine Palästinenser-Regierung der nationalen Einheit zu verwirklichen. Und Kairo schickte Offiziere nach Gaza, die den Bruderkrieg zwischen Hamas und Fatah schlichten sollten.

Doch mit dem Putsch gegen die Fatah haben die Islamisten der in Mekka beschlossenen Einheitsregierung schnell ein Ende bereitet. Und die Ägypter haben Gaza verlassen, ohne dort die Gewaltausbrüche verhindert zu haben.

Das ägyptisch-saudische Debakel illustriert einmal mehr die Schwäche arabischer Politik. Staaten, die einst als politisches oder militärisches Schwergewicht galten, verfügen heute nicht einmal mehr in ihrer direkten Nachbarschaft über Gestaltungsmöglichkeiten.

Denn wohin sie auch blicken: nur Zerfall. Der Irak ist in Auflösung begriffen. Syrien wurde aus dem Libanon vertrieben und schmollt. Ägypten strebt in Nahost keine Vormachtstellung mehr an, sondern begnügt sich mit der Verteidigung eigener Interessen.Und selbst das gelingt nicht mehr. Noch vor 50 Jahren betrachtete Kairo den Sudan als Teil seiner Einflusssphäre. Heute schaut Ägypten dem Völkermord in Darfur hilf- und tatenlos zu. Sogar an seiner Nordflanke, im Gazastreifen, den es bis 1967 kontrollierte, ist Ägypten zur Marginalie verkommen. Sowohl die Fatah als auch die Hamas ließen Präsident Hosni Mubarak ins Leere laufen, als er die Einheit der Palästinenser retten wollte. Auch die von ihm inszenierten Nahost-Gipfel wie gerade in Scharm el Scheich gehen stets ohne greifbares Ergebnis zu Ende.

Ägypten ist heute eine arme Republik mit den ungelösten Problemen eines Landes der Dritten Welt. Mubaraks primäres Trachten richtet sich auf das Überleben seines Regimes, das er wohl seinem Sohn Gamal vererben will.Auch Saudi-Arabien ist in erster Linie mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Trotz des Ölreichtums ist das Land in den vergangenen Jahren ärmer geworden: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist heute niedriger als zu Beginn der 80er-Jahre und beträgt nur noch 14 000 Dollar.

Saudi-Arabiens Außenpolitik reflektiert deshalb keine Stärke, sondern nur die Angst, dass regionale Wirren auf sein Territorium übergreifen könnten. 1989 trug das Königreich mit dem Abkommen von Taif noch zur Beendigung des Bürgerkriegs im Libanon bei. Vor fünf Jahren verlief die Initiative von König Abdullah zur Lösung des arabisch-israelischen Konflikts aber im Sand, weil sie von Israel totgeschwiegen wurde. Und Saudi-Arabien fühlte sich nicht stark genug, um gegen diesen Affront zu protestieren. Jetzt ist die Initiative wieder neu aufgelegt. Sie sieht einen Rückzug Israels auf die Grenzen von 1967 vor und offeriert im Gegenzug die Anerkennung Israels durch arabische Staaten. Doch an der Konstellation hat sich nichts geändert: Ohne Unterstützung aus den USA wird Riad den Plan nicht durchsetzen können.

Diese Machtlosigkeit müsste nicht nur in Riad Alarm auslösen, sondern auch im Westen. Mit seinem regionalen Hegemonialstreben könnte Iran als Atommacht schon bald Saudi-Arabien und dessen Ölfelder bedrohen. Die Ambitionen der Schiiten im Irak und im Libanon, die von Teheran gesteuert werden, könnten auf Saudi-Arabien ausstrahlen. Denn in der ölreichen Ostprovinz des Königreichs leben Schiiten, die zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Mit seinem Engagement für ein Ende des palästinensischen Bruderkriegs hatte Saudi-Arabien verhindern wollen, dass die Ajatollahs ihren Einfluss im Nahen Osten weiter erhöhen, indem sie die Hamas in Gaza mit Geld und Waffen alimentieren. Dass dieses Bollwerk nun nicht steht, hat Konsequenzen, die über Palästina hinausreichen. Weil Teheran die Hamas kontrolliert und finanziert, steht am Mittelmeer faktisch eine neue Division der iranischen Armee, zusätzlich zur Hisbollah im Libanon, die ihre Befehle ebenfalls von Iran erhält. Gezielt füllen Iran und dessen Helfershelfer das Vakuum, das durch die Schwäche Ägyptens und Saudi-Arabiens, der Verbündeten des Westens, entstanden ist.

Kommentare zu " NAHER OSTEN: Verlust der Macht"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%