Neue Gründergeneration fehlt
Pioniere der Wirtschaft

Deutschland muss sich wieder an seine Unternehmer erinnern und sie sich zum Vorbild nehmen, wenn es an die Spitze der Weltwirtschaft gelangen will. Bernd Ziesemer, Chefredakteur des Handelsblatts, rät in seinem Essay, dass die "Pioniere der deutschen Wirtschaft" wieder mehr gewürdigt werden sollten.

Wer sich die Deutungshoheit über die Geschichte verschafft, bestimmt auch ein großes Stück Zukunft. Im kollektiven Gedächtnis der (West-)Deutschen sind die Nachkriegsjahrzehnte heute vor allem mit politischen Chiffren besetzt, die in weiten Teilen erst nach 1968 geprägt worden sind. Das gilt besonders für den Begriff der "Adenauer-Zeit", der im Nachhinein als Sinnbild für eine enge und gleichsam vormoderne Gesellschaft herhalten muss, die sich angeblich erst durch die Studentenrevolte und die nachfolgende Ära der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt öffnete und liberalisierte. In Wahrheit waren die fünfziger und sechziger Jahre in Deutschland jedoch vornehmlich eins: Dekaden eines bis heute beispiellosen wirtschaftlichen Modernisierungsschubs in der deutschen Wirtschaft, der bis weit in die Gesellschaft ausstrahlte. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war "vor allem ihre Wirtschaftsgeschichte", schrieb der Bielefelder Historiker Werner Abelshauser schon 1983 zu Recht. Lange Zeit glich Deutschland sogar, fügte Abelshauser hinzu, "einer Wirtschaft auf der Suche nach ihrem politischen Daseinszweck".

Wie die meisten Historiker befasst sich jedoch auch Abelshauser in erster Linie mit den ordnungspolitischen Weichenstellungen, den Konjunkturzyklen und langfristigen volkswirtschaftlichen Trends. Wirtschaftsgeschichte ist jedoch vor allem anderen die Summe vieler Unternehmensentwicklungen. Die Politiker konnten Rahmenbedingungen setzen, aber die Unternehmer "machten" die Wirtschaftsgeschichte. Das gilt gerade für die beiden entscheidenden Dekaden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Adenauer-Zeit war die Zeit der Konzernschmiede und des Pionierunternehmers, der Gründer und Erfinder, der innovativen Geschäftsideen und neuen Exportstrategien. Männer wie Werner Otto, der Gründer des gleichnamigen Versandhauskonzerns, oder Dübelerfinder Artur Fischer und der Schraubenfabrikant Reinhold Würth oder Roland Berger, der Ende der sechziger Jahre erst eine Wäscherei und dann eine der ersten Unternehmensberatungen in Deutschland gründete, die heute zu den erfolgreichsten internationalen Consultingfirmen gehört.

Gemeinhin gilt in der deutschen Erinnerung immer noch die unmittelbare Phase des Wiederaufbaus Ende der vierziger Jahre als "Wirtschaftswunder", als sich nach Ludwig Erhards mutiger Währungsreform und der (teilweisen) Freigabe der Einzelhandelspreise gleichsam über Nacht die Läden mit begehrten Waren aller Art füllten und das Geld wieder etwas wert war. Die meisten Bundesbürger denken dabei an die Zeit zurück, als die Fabriken wieder notdürftig liefen und die ehemaligen Messerschmidt-Flugzeugwerke den Kabinenroller auf den Markt brachten. Ökonomisch gesehen geschah das eigentliche Wirtschaftswunder jedoch, mit dessen Hilfe Deutschland zur führenden Exportnation der Welt aufstieg und wirklich "Wohlstand für alle" schuf, viele Jahre später.

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