Neues mediales Rollenverständnis
Reden wir über uns!

Zu viel Konformität, zu wenig solides Handwerk: Um den kritischen Journalismus steht es schlecht in Deutschland. Die deutschen Medien betrachten sich offenbar als eigenständige Macht, noch vor dem Volk bestimmend für die Regierungspolitik. Wenn die Medienwelt eine in sich geschlossene Welt wird, dann kommt jemand zu kurz: der Bürger!

Vor kurzem wurde im Hamburger Schauspielhaus der Henri-Nannen-Preis vergeben. Ein Journalistenpreis! Ein Preis für journalistische Leistung! Die Feier wurde als glamouröses gesellschaftliches Ereignis inszeniert, mit abgesperrten Straßen zur Vorfahrt der Limousinen, mit rotem Teppich, mit Hostessen, mit Showeffekten. Die geehrten Kollegen nahmen die Preise zum Teil im Smoking entgegen. Sie hatten über Sterbehilfe und Arbeitslosigkeit, über Kriegsversehrte und Mord und Globalisierungsopfer geschrieben.

Die Auszeichnung von Journalismus als ballähnliche Veranstaltung? Das irritiert mich. Das macht mich irgendwie ratlos. Gehören wir jetzt alle dazu? Müssen wir dazugehören wollen? Zur Gesellschaft der Erfolgreichen und Reichen, der Schönen und Prominenten? Also zu einer Gesellschaft, der wir doch so lange Zeit skeptisch und mit ätzender Kritik gegenüberstanden? Ich frage ja nur.

Ein zweites Beispiel: In einer Tageszeitung las ich kürzlich, wie sehr die Medien unzufrieden seien über die große Koalition von CDU/CSU und SPD. Ich zitiere aus dem Artikel folgenden Satz: "Die große Koalition stellt in der Tat für die Medien ein großes Dilemma dar." Das Klagelied über die medial so unergiebige große Koalition erklingt seit einiger Zeit auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften. Man ist ganz offensichtlich ungehalten unter Kollegen über diese Regierung, die den Anforderungen und Wünschen der Medien so ganz und gar nicht gerecht wird. Die Medien als selbstbezogene gesellschaftliche Kraft, die es zu befriedigen gilt, neben, ja sogar vor allen anderen Kräften wie Wirtschaft und Kultur - und Volk.

Noch nie habe ich dieses neue journalistische Selbstverständnis so unverhüllt erlebt wie jetzt gerade in Deutschland. Vierzig Jahre lang betrieb ich meinen Beruf im Bemühen, als politischer Journalist dem Begriff Medium gerecht zu werden. Das heißt: Vermittler zu sein von Meinungen und Stimmungen und Nöten und Freuden. Auch betrieb ich mein Metier im Bewusstsein, nur eine Stimme zu sein unter vielen Stimmen. Schließlich war ich stolz darauf, dass mein Berufsstand mit all den eigensinnigen und eigenständigen Kollegen die Vermittlerrolle wahrnahm zwischen den verschiedenen Kräften der Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Strömungen der Gesellschaft, vor allem zwischen den Bürgern unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft. Auch hier bin ich irritiert, sogar befremdet: Da diese neu erwachte Medienmacht gegenwärtig ungehalten ist, überlegt sie sich - anders kann ich es nicht lesen -, ob sie der gewählten Regierung ihre Gunst entziehen will oder nicht. Wie ich es verstehe, kann sich die Regierung auch bessern, indem sie den Medien liefert, was diese fordern, nämlich Hauskrach und Spektakel.

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