Nigeria
Bedrohliche Lage

Mit ihren vielen Krisen und Kriegen ähnelt die Landkarte von Afrika einem stark gefleckten Leopardenfell.

Immer öfter bedrohen diese Konflikte dabei den Zusammenhalt der einst von den Kolonialherren geschaffenen Nationalstaaten. Einige von ihnen werden wie Nigeria mit Mühe zusammengehalten, andere sind wie Somalia schon kollabiert.

Umso wichtiger war der Ablauf der Präsidentschaftswahl in Nigeria, der mit Abstand wichtigsten in Afrika in diesem Jahr. Denn viel wird von ihrem Ausgang abhängen: der zaghaft angelaufene Kampf gegen die Korruption, aber auch die Stabilität eines Landes mit rund 135 Millionen Menschen. Während der Wahl kam es so, wie viele Beobachter befürchtet hatten: Wie alle vorherigen Abstimmungen seit der Unabhängigkeit des Landes vor fast 50 Jahren war auch die Präsidentschaftswahl von massiven Unregelmäßigkeiten und Betrugsvorwürfen überschattet. Dass in letzter Minute Wahlzettel neu gedruckt werden mussten, führte dazu, dass der Urnengang in den meisten Teilen des Landes um Stunden verspätet begann und vielerorts zum organisatorischen Albtraum wurde.

Der chaotische Wahlverlauf ist ein deutliches Indiz dafür, dass Nigeria in den nächsten Monaten heftige politische Turbulenzen bevorstehen – und dass der so hoffnungsvoll erwartete erste Machttransfer von einer Zivilregierung zur nächsten weit schwieriger als vermutet wird. Dabei wäre ein weitgehend reibungsloser Übergang in Afrikas zweitgrößter Volkswirtschaft eine Grundvoraussetzung dafür, dass der Kontinent seine lange Abwärtsspirale endlich durchbricht.Schlimmer noch: Die schweren Unruhen vor und während der Wahl deuten auf eine Eskalation der latenten Spannungen zwischen Christen und Moslems hin. Daran dürfte auch wenig ändern, dass (der christliche) Präsident Olusegun Obasanjo nun von einem Muslim abgelöst wird. Vor allem im Norden des Landes, aus dem die drei aussichtsreichsten Nachfolgekandidaten kommen, haben sich Christen und Muslime zuletzt erneut blutige Schlachten geliefert. Seit Einführung der Scharia in zwölf Bundesstaaten vor einigen Jahren ist es immer wieder zu pogromartigen Konflikten zwischen beiden Religionsgruppen gekommen.

Was wie ein Krieg der Religionen anmutet, ist in Wirklichkeit Spiegelbild eines graduellen Zusammenbruchs im Vielvölkerstaat Nigeria. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas hat zwar seit acht Jahren eine gewählte Regierung, aber keine staatlichen Institutionen, die die Konflikte der mehr als 300 Volksgruppen kanalisieren und entschärfen könnten. In ihrer Not suchen die Menschen deshalb immer öfter Zuflucht in der Religion, die hier wie anderswo in Afrika als Feigenblatt beim Kampf um die begrenzten Ressourcen dient.

Ebenso bedrohlich wie im Norden ist die Lage im ölreichen Nigerdelta. In den letzten Monaten hat sich die ohnehin schon schlimme Lage dort weiter zugespitzt. Militante Gruppen, die eine gerechtere Verteilung der Öleinnahmen an die ansässige Bevölkerung fordern, haben ihre Angriffe auf Förderanlagen und Pumpstationen von Ölkonzernen noch verstärkt. Dabei werden auch immer wieder ausländische Arbeiter entführt, die aber nach einiger Zeit, vermutlich gegen die Zahlung eines hohen Lösegeldes, wieder freikommen.

Die immer neuen und dreisteren Angriffe deuten darauf hin, dass in dem seit Jahren unruhigen Nigerdelta anarchische Zustände drohen. Besorgnis erregend ist vor allem, dass neben den Öleinrichtungen auf dem Festland nun auch die rund 12 Meilen vor der Küste gelegenen Installationen nicht mehr vor Rebellenangriffen sicher sind.Immer deutlicher wird aber auch, dass der nigerianische Staat trotz seiner hohen Öleinnahmen weder die Mittel noch den Willen hat, die Rebellen effektiv zu bekämpfen. Die Ölfirmen haben deshalb zuletzt immer öfter eigene Sicherheitsexperten eingeflogen, zumeist frühere Soldaten aus den USA, Großbritannien oder Südafrika. Dies hat jedoch nicht verhindert, dass allein im letzten Jahr rund 700 km Ölpipelines gestohlen wurden. Auch wird es vor dem Hintergrund der stark angespannten Sicherheitslage immer schwieriger, Fachkräfte aus dem Ausland für die Arbeit im Delta zu rekrutieren – was die Kosten der Ölgewinnung weiter verteuert.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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