Nordafrika
Das Pulverfass

Manchmal bedarf es eines furchtbaren Knalls, um die Europäer aufzuwecken. Der jüngste Anschlag einer El-Kaida-Terrorzelle in Algier war eine solche Explosion.Erschreckt stellen nun viele Europäer fest, dass islamische Terroristen nicht nur im „fernen“ Mittleren Osten, sondern auch in Europas eigenem Hinterhof bomben, im Maghreb.

Sofort werden ängstlich Fragen gestellt: Wenn El Kaida in Algerien Fuß gefasst hat, dringt die Terrororganisation dann auch heimlich im großen Pulk der Migranten nach Spanien und Frankreich vor? Ist Europa das nächste Ziel? Dabei sind diese Fragen spätestens seit den Anschlägen in Madrid am 11. März 2004 beantwortet. Der Terror macht nicht am Mittelmeer halt. Auch in Europa findet eine sunnitische Terrororganisation wie El Kaida im Heer sich vernachlässigt fühlender Immigranten willige Helfer. Dass der Kampf gerade algerischer Terroristen mit Europa eng verbunden ist, ist in Wahrheit übrigens auch in Deutschland seit Jahrzehnten bekannt. Denn gerade hier zu Lande fanden viele Anführer der radikalislamischen FIS-Organisation Unterschlupf, die gegen die frühere algerische Militärregierung gekämpft hatten.

Nur übten sich Europäer und Amerikaner seit langem in Verdrängungsstrategien. Nordafrika gilt in westlichen Hauptstädten nicht wirklich als sexy. Auf deutschen Wunsch dominierte in der EU lange Jahre die Osterweiterung der EU die Debatten. Auf Wunsch der USA konzentrierte sich der Kampf gegen den Terror gegen Islamisten vor allem auf den ölreichen mittleren Osten. Zum Desinteresse kam eine erstaunliche Naivität: Früher gewährten deutsche Sicherheitsbehörden der FIS die Bundesrepublik als sicheren Rückzugs- und Planungsraum, solange sie auf Anschläge in Deutschland selbst verzichteten. Quasi als Feigenblatt hatten die Europäer parallel dazu den „Barcelona-Prozess“ angeschoben. Mit der Mischung aus EU-Wirtschaftshilfe, zarten gesellschaftlichen Kontakten und vielen Konferenzen konnten damit vor allem die südlichen EU-Staaten demonstrieren, dass ihnen die Länder auf der anderen Seite des Mittelmeers wenigstens nicht völlig egal sind. Aber mit den intensiven und wirklich stabilisierenden Anbindungsversuchen der EU in Ost- und Südosteuropa hat dies nichts zu tun. Letztlich galt als gute Nachricht aus dem Maghreb, dass es nichts zu berichten gab.

Immerhin hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier Ende letzten Jahres mit einer Maghreb-Reise demonstrieren wollen, dass man mittlerweile auch in Berlin die Bedeutung der Region erkannt hat. Nur ist diese Erkenntnis nicht wirklich sensationell. Zum einen hat der dramatische Anstieg der afrikanischen Migrantenwellen über das Mittelmeer und die Kanaren in den letzten Jahren gezeigt, dass Nordafrika von Europa nicht einfach vergessen werden kann. Spanien und Italien dringen seither nachdrücklicher auf ein Gesamtkonzept. Zum anderen sieht der Maghreb plötzlich attraktiver aus, seit die Europäer ernsthaft nach Alternativen zu russischem Gas suchen. Und die wachsende Terrorgefahr ist mit beiden Themen verbunden – sowohl mit der Migration als auch mit dem Wunsch nach einer sicheren Energieversorgung aus dem Maghreb. Immerhin gibt es mittlerweile eine internationale Kooperation im Kampf gegen El Kaida. Auch die Deutschen haben nach einer Serie von Anschlägen in Frankreich und nach dem 11. September 2001 in den USA erkannt, dass Sicherheit im Kampf gegen den Terror nicht teilbar ist. Verhindert hat dies neue Anschläge aber ebenso wenig wie die von den USA in den letzten Jahren forcierte Ausbildung spezieller nordafrikanischer Antiterroreinheiten.

Ein entscheidender Grund dafür ist, dass die meist autoritären Regierungen in den nordafrikanischen Staaten Teil des Problems, nicht der Lösung sind. Jahrzehntelang haben sie versäumt, ihren rasch wachsenden Bevölkerungen wirtschaftliche Zukunftsperspektiven zu schaffen. Nun wächst von Casablanca bis Alexandria ein Heer chancenloser Jugendlicher heran, das sich leicht radikalisieren lässt. Und nun begründen dieselben Regierungen von Marokko bis Ägypten die gravierenden demokratischen und rechtsstaatlichen Defizite in ihren Ländern damit, dass mehr Liberalität nur den islamischen Extremisten in die Hände spielen würde. Das Schlimme ist, dass der Anschlag von Algier zwar ein Weckruf ist, die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte aber nicht rasch korrigiert werden können. Ein Argument für Untätigkeit kann dies nicht sein:

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