Öl
Machtlose Opec

Der Opec-Gipfel, der übers Wochenende in Riad stattfand, versprach eine dreifache Zielsetzung: Versorgung mit Erdöl, Förderung des Wohlstands und Schutz des Planeten. Herausgekommen ist aber nur wenig beim Treffen der Ölstaaten.
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Ein wichtiger Grund dafür: Die Interessen der einzelnen Kartellmitglieder sind zu unterschiedlich, als dass alle am selben Strick ziehen würden. Die Interessendivergenz verhindert eine einheitliche und griffige Politik. Während Länder wie Saudi-Arabien oder Kuwait mit den USA befreundet sind, steuern Venezuela oder Iran einen anti-amerikanischen Kurs. Zudem unterscheiden sich die einzelnen Opec-Länder auch wirtschaftlich stärker voneinander als früher.

Für einen Teil der Ölländer sind Zinseinnahmen inzwischen wichtiger als der Erlös aus dem Ölverkauf; andere sind hingegen auf den Export des schwarzen Goldes dringend angewiesen. So legen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Katar ihre Budgetüberschüsse in sogenannten „Sovereign Wealth Funds“ an. Das sind staatliche Vermögensfonds, deren Mittel zunehmend im Westen angelegt werden. Der Fonds von Abu Dhabi zum Beispiel, dem bedeutendsten Ölförderer innerhalb der VAE, hat einen Wert von 875 Milliarden Dollar. Damit kann bei entsprechend kluger Anlagepolitik mehr Einkommen generiert werden als mit Öl.

Die Opec, so viel wurde in Riad klar, hat auch aus anderen Gründen als preisbestimmendes Kartell weitgehend ausgespielt. Die Kontrolle des Ölmarkts fällt dem Klub heute viel schwerer als in der Vergangenheit. Er ist mit neuen Marktteilnehmern und einem neuen Mechanismus konfrontiert: dem Futures-Markt. Und der werde nicht von Ölförderern dominiert, sagt der Experte Pierre Terzian von Petrostrategies in Paris. Auf einer früheren Opec-Konferenz legte er bereits dar, dass das Volumen der Öl-Futures in den USA seit dem Jahr 2000 um 442 Prozent gestiegen sei. In den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil der Future Contracts am gesamten Handel von 32 auf über 50 Prozent gewachsen.

Aus diesen Entwicklungen kann man nur einen Schluss ziehen: Weil sich die Futures losgelöst von den fundamentalen Marktbedingungen entwickeln, ist der Einfluss der Finanzmärkte auf den Ölpreis heute stärker als die Kräfte, die sich aus realem Angebot und realer Nachfrage ergeben. Am Golf zieht Dubai bereits die Konsequenzen und will sich am einträglichen Futures-Geschäft mit einer spezialisierten Börse beteiligen. Der Ölmarkt ist so zum Spielball von Spekulanten geworden, was durch die jüngste Dollarschwäche noch begünstigt wird. Und der Markt reagiert so stark, weil die Nachfrage relativ starr ist – ein Preisanstieg dämpft sie kaum.

Die Opec muss ihre Strategie daher überdenken. Es genügt nicht mehr, dass das Kartell das Angebot der Nachfrage anpasst und es dann den Märkten überlässt, den Preis innerhalb einer Bandbreite zu fixieren. Gefordert ist mehr Markttransparenz, um den Spekulationen der Finanzmärkte das Fundament zu entziehen. Nur so kann die Opec die Kontrolle über die Märkte wiedergewinnen und zugleich ihre Rolle als verlässlicher Partner der Verbraucher spielen.

Transparenz auf dem Ölmarkt ist allerdings keine leichte Sache. Die Opec ist keine Planungsbehörde, die eine auf Monate verlässliche Fördermenge festlegen kann. Politische Spannungen in Ölfördergebieten erhöhen zudem die Unsicherheit und beflügeln die Fantasie der Finanzmärkte.

Die Unsicherheit bezieht sich nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die Transportwege. Mehr als 50 Prozent des Öls gelangen über gefährdete Wasserwege zu den Konsumenten. So ist eine der wichtigsten Routen, die Malacca-Straße zwischen Malaysia und Indonesien, an der Grenze ihrer Kapazität. Ein Unfall, der die Straße blockieren könnte, würde die Ölversorgung von Indonesien und Singapur gefährden und hätte globale Auswirkungen. Der Bosporus, der Suezkanal und das Rote Meer sind weitere Beispiele von Wasserstraßen, die extrem wichtig für die Ölversorgung sind.

Die Nervosität der Märkte wird noch durch knappe Reservekapazitäten erhöht. Vor zwei Jahren lag sie noch bei fünf Millionen Barrel (159 Liter), heute sind es nur noch drei Millionen pro Tag. Um die Märkte zu beruhigen, müsste sie mindestens auf die bisherigen Werte erhöht werden.

Wenn das Ölkartell seine Strategie nicht grundlegend erneuert, wird es auf Dauer noch mehr an Einfluss verlieren. Außerdem werden sich dann immer wieder die Rituale wiederholen, die jetzt in Riad zu beobachten waren: Die Industrieländer fordern niedrigere Preise, und die Opec reagiert mit hilflosen Entschuldigungen und Verweisen auf die geopolitischen Probleme und die Spekulanten.

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