Öl
Ölpreis auf Schleuderkurs

Das Jahr 2008 wird als Jahr beispielloser Preisausschläge in die Geschichte des Ölmarktes eingehen. Nach einer weiteren bitteren Woche immer negativerer Konjunkturdaten aus den USA und Europa notierte der Ölpreis zum Wochenende auf dem niedrigsten Stand seit knapp vier Jahren.

Das Jahr 2008 wird als Jahr beispielloser Preisausschläge in die Geschichte des Ölmarktes eingehen. Nach einer weiteren bitteren Woche immer negativerer Konjunkturdaten aus den USA und Europa notierte der Ölpreis zum Wochenende auf dem niedrigsten Stand seit knapp vier Jahren. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Januar ist bereits unter 40 Dollar gerutscht, die US-Sorte WTI liegt noch knapp darüber. Gegenüber dem Höchststand von 147 Dollar im Juli ist das ein Minus von 72 Prozent.

Analysten kommen mit dem Kürzen ihrer Prognosen kaum nach. Merrill Lynch geht nun davon aus, dass der Ölpreis auf 25 Dollar fällt, bevor er sich wieder zu erholen beginnt. Damit rückt das Szenario näher, das das Produzentenkartell Opec doch um jeden Preis verhindern wollte: eine Wiederholung des Einbruchs der späten neunziger Jahre, als die Opec wegen der Asienkrise ihre Produktion erhöhte und der Ölpreis bis auf fast zehn Dollar fiel.

Welche wirtschaftlichen und geopolitischen Konsequenzen wird der Preisrückgang haben? Mit Blick auf die Geschichte der Ölindustrie lassen sich fünf Hypothesen aufstellen.

Erstens ist absehbar, dass sich für die internationalen Ölkonzerne neue Chancen in bisher verschlossenen Ölstaaten ergeben werden. Die Geschichte zeigt, dass hohe Ölpreise immer mit zunehmendem Protektionismus einhergingen. Je höher die Preise, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Ölstaaten Anlagen verstaatlichen oder die Steuern so weit erhöhen, dass sich Investitionen nicht mehr lohnen. Bei niedrigen Preisen kehrt sich diese Entwicklung um. Russland hat bereits die Exportsteuern gesenkt, und in Venezuela beteiligen sich nur ein Jahr nach einer Verstaatlichungswelle Ölmultis an Bieterrunden für neue Lizenzen.

Zweitens bringen die niedrigeren Ölpreise Opec-Hardliner wie Venezuela und Iran in Schwierigkeiten, die sie zu einer konzilianteren Haltung gegenüber den USA und Europa zwingen.

Schon jetzt zeigt sich, dass der Iran seine Produktion nicht wie vereinbart reduziert. Die Misswirtschaft und Verschwendung in vielen Opec-Ländern konterkarieren die Wirksamkeit des Kartells. Das spricht dafür, dass die Preise kurzfristig noch tiefer sinken. Das wiederum wird drittens die Bemühungen der Opec-Führung verstärken, die Kooperation mit Russland zu intensivieren. Beide Seiten beteuern, wie stark sie daran interessiert sind. Die Opec-Führung, so ist aus Kreisen des Kartells zu hören, bemüht sich sehr, die Russen an Bord zu holen. Gerade für Saudi-Arabien wäre das ein Gewinn: Es käme ein großer Partner an Bord, mit dem es die Hauptlast der Produktionskürzungen teilen könnte.

Eine Opec einschließlich Russlands wäre für die westlichen Kunden eine Horror-Vision, zumal Russland parallel dazu an einer „Gas-Opec“ mit Ländern wie Iran und Katar bastelt. Das Gefühl der Umzingelung würde in Europa die Suche nach alternativen Energiequellen beschleunigen. Das weiß Russland, und das ist einer der Gründe, warum im Moment mehr dagegen- als dafürspricht, dass Russland der Opec beitritt. Ein weiterer ist, dass das Land von Investoren noch mehr als bisher als Ölstaat wahrgenommen würde. Außerdem schrumpfen die Kapazitäten derzeit, so dass Russland an einer Produktionsausweitung im nächsten Aufschwung wohl gar nicht teilnehmen könnte.

Viertens wird das Tief des Ölpreises, begleitet von einer internationalen Kreditklemme, die Investitionen in den Energiesektor bremsen. Selbst wenn sich einige Regierungen entschließen, Investitionen in den Klimaschutz für fiskalische Impulse zur Wiederbelebung der Wirtschaft zu nutzen, ist schon sichtbar, dass weniger privates Kapital sowohl in den Ölsektor als auch in alternative Energien fließt. Die Ölmultis investieren weniger, um die Aktionäre bei Laune zu halten. Die Opec-Staaten investieren weniger, weil der sinkende Ölpreis ihnen die Mittel entzieht.

Damit ist fünftens klar, dass die großen energiepolitischen Herausforderungen – Klimaschutz und drohende Knappheit – nur vorübergehend in den Hintergrund getreten sind. Sie werden rasch wieder nach vorne rücken. Die Kurve auf dem Ölterminmarkt zeigt deutlich: Die Händler rechnen damit, dass der Preis bald wieder steigt. Öl zur Lieferung in einem Jahr wird bei über 60 Dollar gehandelt, zur Lieferung in zwei Jahren werden an die 70 fällig.

Viele Analysten rechnen damit, dass wir schon 2010 wieder einen Durchschnittspreis von mehr als 100 Dollar sehen. Die Internationale Energie-Agentur warnt vor noch höheren Preisausschlägen als im Sommer, sobald die Weltkonjunktur wieder anzieht. Wir Konsumenten müssen daher weiter daran arbeiten, die Abhängigkeit von Öl und Gas zu reduzieren.

heilmann@handelsblatt.com Der Fall des Ölpreises hat auch politisch weitreichende Folgen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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