Ölindustrie
Rostiges Image

Vor zwei Wochen müssen die Manager des britischen Ölkonzerns BP vor dem US-Kongress antreten und für die durchgerosteten Ölleitungen in Alaska Rede und Antwort stehen. Der texanische Vorsitzende des Energieausschusses, Joe Barton, wirft BP-Chef John Browne in einem Brief „chronische Nachlässigkeit“ vor.

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass sich Spitzenmanager der Ölindustrie am Pranger wiederfinden. Bereits im März wurden die Chefs von Exxon & Co. vom Kongress vorgeladen. Damals waren es die Rekordgewinne der Branche, die den Volksvertretern übel aufstießen.

Rekordgewinne und hohe Benzinpreise lassen sich ökonomisch noch erklären, ohne dass man der Branche dafür an den Kragen gehen müsste. Mit hohen Profiten und eklatanten Sicherheitsmängeln ist das kaum möglich. Geht es im Falle von BP doch nicht nur um die Einhaltung von Mindeststandards, die man von einer gut verdienenden Branche erwarten muss. Vielmehr hat der britische Konzern mit seiner grünen Imagekampagne „Beyond Petroleum“ die Messlatte für sein Verhalten besonders hoch gelegt. Kein Wunder, dass BP nach den Leitungsproblemen in Alaska viel Kritik erntet. Sind die Roststellen an der Pipeline des Ölfelds Prudhoe Bay doch nur das bislang letzte Glied einer Kette von Pannen in den USA. Im März lief mehr als eine Million Liter Rohöl aus, nachdem ebenfalls in Alaska eine Leitung gerissen war. Ein Jahr zuvor flog in Texas eine BP-Raffinerie in die Luft, 15 Menschen starben, 170 wurden verletzt. Darüber hinaus untersuchen die US-Behörden, ob der britische Konzern den Propangasmarkt manipuliert hat.

So beschädigt ist das Image des Unternehmens, dass Politiker in den USA fragen, ob BP die Ölleitung möglicherweise bewusst durchrosten ließ, um die Preise nach oben zu treiben. John Kennedy, einer der Köpfe hinter der Werbekampagne „Beyond Petro-leum“, rechnete kürzlich öffentlich mit seinem früheren Auftraggeber ab und überschrieb seinen Beitrag in der „New York Times“ mit „Beyond Propaganda“.

Die Probleme in Prudhoe Bay sind nur ans Licht gekommen, weil BP nach dem Leck im März von den Behörden gezwungen wurde, sein Leitungssystem zu inspizieren. Erst im Zuge dieser Inspektion setzte der Konzern jene Hochtechnologie ein, die die Roststellen entdeckte. BP verweist darauf, die Vorschriften in Alaska schrieben den Einsatz dieser Technologie für Pipelines mit niedrigem Druck nicht vor. Den Buchstaben der Vorschriften ist das Unternehmen damit vielleicht gerecht geworden, den Erwartungen der Öffentlichkeit und seinen eigenen Ansprüchen sicher nicht.

Als der Werbemann Kennedy vor sechs Jahren die grüne Imagekampagne für BP konzipierte, fragte er Leute auf der Straße, was sie von einem Ölkonzern wie BP erwarteten. Das Ergebnis sollte den Briten und ihren Wettbewerbern im Gedächtnis bleiben: Auf Grund ihrer Größe, Gewinne und Schlüsselstellung für Umwelt und Wirtschaft stellen die Menschen höhere Anforderungen an die Ölbranche als an andere Industriezweige. Die Unternehmen sollten das als Teil ihrer Wirklichkeit akzeptieren.

BP will in diesem Jahr 72 Millionen Dollar für die Inspektion seiner Ölleitungen in Alaska ausgeben. Zugleich hat der Konzern in den vergangenen eineinhalb Jahren 20 Milliarden Dollar ausgegeben, um eigene Aktien zurückzukaufen und dadurch den Börsenkurs nach oben zu treiben. Aktienrückkäufe gelten auch als ein Zeichen dafür, dass ein Unternehmen seine Gewinne nicht profitabler einsetzen kann. Diese Prämisse erscheint angesichts der eklatanten Mängel in Alaska und des folgenden Imagedesasters mehr als fraglich, zumal der Aktienkurs nach den Pannen abgesackt ist.

Wer jetzt allerdings mit einem großen Knüppel auf die gesamte Branche einschlägt, trifft auch die Falschen. Zwar sind ExxonMobil und ConocoPhilips Miteigentümer von Prudhoe Bay, die operative Verantwortung liegt jedoch bei dem Betreiber BP. Nach Meinung von Experten hat sich die Sicherheitslage in der Ölindustrie in den vergangenen zehn Jahren verbessert. So ist die Zahl der Leitungspannen in den USA von 245 auf 136 in 2005 gesunken. Dass die Lecks in Alaska jetzt für eine derart große Aufregung sorgen, hat auch mit den angespannten Ölmärkten zu tun. Ähnliche Vorfälle fanden kaum Beachtung, als die Ölpreise noch niedriger waren.

Dennoch sollte die Branche das Desaster von BP als Warnung begreifen. Angesichts der Lieferengpässe steigt der Druck auf die Unternehmen, den letzten Tropfen Öl aus den unwirtlichsten Gegenden der Erde zu pumpen. Damit steigen auch die Risiken für Mensch und Umwelt. Die Industrie sollte deshalb lieber auf Nummer sicher gehen, wenn sie nicht vom Staat an die kurze Leine genommen werden will.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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