Ölindustrie
Zu lange gewartet

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Das plötzliche Klagelied der milliardenschweren Ölkonzerne stimmt nachdenklich. Lange Zeit haben die Vorstände die Geldberge kaum schnell genug in die Tresore schaufeln können. Doch in dieser Woche nimmt die Führungsspitze des drittgrößten Ölkonzerns der Welt, Chevron, tatsächlich das Wort Gewinnwarnung in den Mund. Und der Chef von BP geht noch weiter: Er warnte bei einer Mitarbeiterversammlung die Belegschaft vor gar fürchterlichen Ergebnissen. Was ist passiert? Den Ölkonzernen macht ihr eigener Erfolg zu schaffen. Jahrelang wartete die Branche darauf, dass der ständig steigende Ölpreis zu einem sinkenden Verbrauch führen würde. Doch die Kunden nahmen ihren Fuß weder bei einem Preis von 30 Dollar pro Barrel vom Gas, noch bei 50 und auch nicht bei 70. Neue Großabnehmer wie China und Indien sorgten für zusätzliche Nachfrage, koste es, was es wolle.

Für die Geschäftspartner der Ölkonzerne bedeutete die wundersame Vervielfachung der Rohölpreise eine goldene Gelegenheit: Wer herstellte, was die Ölindustrie benötigt, konnte sich Blankoschecks ausschreiben. So kostete die Miete für ein Bohrschiff in der Nordsee 2005 noch 50 000 Dollar pro Tag, heute 200 000 Dollar. Nun zeigt sich, dass die Ölkonzerne in ihrer Blütezeit zu knauserig waren. Viele Großprojekte, die jetzt nicht mehr zu verschieben sind, wären noch vor zwei Jahren für die Hälfte der Kosten zu haben gewesen. Das anschaulichste Beispiel ist BP. Die eigenen Mitarbeiter warnten, dass die Raffinerie in Texas City dringend überholt werden müsste. Doch BP wartete, bis die Anlage Anfang 2005 in die Luft flog. Danach musste man alles für Milliarden wieder aufbauen – und verpasste ausgerechnet die höchsten Gewinnspannen, die die Branche seit Jahrzehnten gesehen hat.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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