Ölpreis
Analyse: Kurs auf 200 Dollar?

Es gibt zwei denkbare Erklärungen dafür, dass die Saudis nicht mehr Öl fördern, und eine davon könnte den Markt in seinen Grundfesten erschüttern.
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Eine neue Woche, ein neuer Ölpreisrekord. Seit der Preis für das schwarze Gold Anfang des Jahres die Marke von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) genommen hat, gibt es scheinbar kein Halten mehr. Wild schwankend hat er jetzt die 120 Dollar überschritten. 150 sind nicht mehr fern, und dann? Die Analysten von Goldman Sachs peilen bereits die Marke von 200 Dollar an.

Gibt es niemanden mehr, der den Markt kontrollieren und den Ölpreis in Schach halten kann? Doch, nämlich Saudi-Arabien, sagen die einen. Leider nein, sagt die Opec. Sie geriert sich als machtloser Debattierclub, hilflos den Launen undurchsichtiger Spekulanten ausgesetzt.

Die Produktion im Irak, die fundamentale Entlastung bringen könnte, kommt nicht in Gang; gleichzeitig sind die USA in eine Konfrontation mit dem Iran verstrickt. Außerhalb der Opec stagniert die Produktion trotz gigantischer Investitionen, kommen die einst mächtigen Ölmultis ebenso wenig voran wie Russland. Das ist die Angebotsseite. Auf der Nachfrageseite saugen China und Indien sofort das auf, was Europa und Nordamerika dank höherer Effizienz weniger verbrauchen. Selbst die drohende Rezession in den USA scheint das nicht grundlegend zu ändern. Müssen wir also die rapide steigenden Ölpreise hilflos hinnehmen? Das ist nicht ausgemacht.

Ein schärferer Blick auf die Motive der Beteiligten lohnt sich. Nehmen wir zunächst die Opec. Die Staaten am Persischen Golf sitzen auf den mit Abstand größten Ölreserven und besitzen noch dazu die am leichtesten zu erschließenden Vorkommen. Ihnen fällt auf Jahrzehnte die Aufgabe zu, den zusätzlichen Öldurst der aufstrebenden Industriemächte zu befriedigen.

Doch jeder Dollar, den der Ölpreis steigt, füllt die Kassen der Opec-Staaten noch mehr. Durchaus verständlich also, dass sie Forderungen großer Kunden und der Internationalen Energie-Agentur (IEA) zurückweisen, ihre Produktion zu steigern. Warum sollten sie damit einen Preiseinbruch riskieren? Lieber verstecken sie sich hinter den Spekulanten.

Den vielzitierten Spekulanten wiederum machen sie es leicht, auf steigende Preise zu setzen. Finanzanleger wie Hedge-Fonds und Investmentbanken können darauf vertrauen, dass die Opec auf Preisrückgänge mit Produktionskürzungen antworten würde. Das muss ja nicht offen geschehen. Die mangelnde Transparenz der staatlichen Ölförderer erlaubt es der Opec durchaus, den Markt unmerklich zu lenken.

Doch wie viel Macht haben die Spekulanten selber? Experten schätzen, dass sie für 10 bis 20 Dollar Ölpreisanstieg verantwortlich sind. Im Moment jedoch treiben sie den Ölpreis kaum noch an, wie eine aktuelle Studie von Barclays Capital zeigt. Von den Investoren wetten nur fünf Prozent mehr auf einen steigenden als auf einen fallenden Preis. Bei Edelmetallen und Agrarrohstoffen ist der Anteil der Preistreiber weitaus größer. Auch fließen kaum noch neue Anlegermittel in die Energierohstoffe. Die Spekulanten ziehen inzwischen weiter.

Ein Rätsel ist allerdings, warum es den USA nicht gelingt, Saudi-Arabien zu höherer Produktion zu bewegen. Allgemein wird angenommen, dass der größte Ölförderer der Welt zugleich die bedeutendsten freien Kapazitäten hat. Die Saudis haben jahrzehntelang die Hauptrolle dabei gespielt, den Ölpreis über die Menge zu steuern. Jetzt stellen sie sich wie die Opec-Partner stur. Für eine ernste Konfrontation zwischen den USA und Saudi-Arabien gibt es keine Anzeichen. Damit bleiben zwei mögliche Erklärungen. Die erste: Die USA sind mit dem hohen Ölpreis durchaus einverstanden. Die Regierung Bush hat sich der Energie-Autonomie verschrieben. Nur bei einem hohen Ölpreis lohnen sich massive Investitionen in den Abbau kanadischer Ölsände und in Biosprit.

Die andere wäre, dass Saudi-Arabien die Produktion gar nicht mehr kurzfristig steigern kann. Diese Meinung vertrat jetzt Libyens Ölminister Shokri Ghanem auf einer Konferenz in London. Beim gegenwärtigen Ölpreis würde kein Land Kapazitäten ungenutzt lassen, argumentierte er. Sollte Saudi-Arabien tatsächlich an seine Grenzen stoßen, würde das den Weltölmarkt erschüttern und den Preis rasch auf die 200 Dollar zutreiben. Überprüfen kann das allerdings niemand – die Scheichs lassen sich nicht in die Karten schauen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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