Ölpreis
Panik der Süchtigen

Amerika ist süchtig nach Öl. Dieses Eingeständnis des amerikanischen Präsidenten George W. Bush lässt sich problemlos auf den Rest der Welt übertragen. Wie bei anderen Suchtkrankheiten im fortgeschrittenen Stadium können selbst kleine Nachschubpannen zu panischen Reaktionen führen.

Die vorläufige Schließung des Prudhoe-Bay-Ölfelds in Alaska durch den britischen Konzern BP ist dafür ein gutes Beispiel. Obwohl der Welt nur etwa 400 000 Fass pro Tag verloren gehen, reagieren die Märkte äußerst nervös. Der Ölpreis stieg innerhalb kurzer Zeit über die 76-Dollar-Marke und drückte postwendend die Stimmung an den Aktienmärkten. Mit anderen Worten: Wenn es ums Öl geht, liegen die Nerven der Weltwirtschaft blank.

Grund für die angespannte Lage sind tektonische Verschiebungen, die in den vergangenen Jahren den Ölmarkt dauerhaft verändert haben. Gab es nach den Ölkrisen in den 70er-Jahren lange Zeit ein Kräftegleichgewicht zwischen den Lieferländern und ihren Abnehmern, hat sich die Macht in den vergangenen Jahren eindeutig zu Gunsten der Ölproduzenten verschoben.

Mit China ist ein neuer Abnehmer auf den Plan getreten, dessen Sucht nach Öl nur noch die USA übertreffen. Das Angebot konnte mit diesem Nachfrageschub nicht Schritt halten. Zu wenig haben die Ölmultis in die Erforschung und Ausbeutung neuer Quellen investiert. Um das schwarze Blut für die Weltwirtschaft aufzuspüren, müssen die Konzerne in immer unwirtlichere Gegenden der Erde vor-dringen und gehen dabei immer größere Risiken für Mensch und Umwelt ein. Das gilt sowohl für die arktische Landschaft Alaskas als auch für die Tiefen des Golfs von Mexiko.

Zugleich sind auch die politischen Risiken der Ölversorgung enorm gestiegen. Ob Attacken nigerianischer Rebellen, Sprengstoffanschläge arabischer Terroristen oder Boykottdrohungen aus Iran und Venezuela: das Öl ist mehr denn je zu einem politischen Faustpfand geworden. Das ist auch der Grund, warum das Thema Energiesicherheit derzeit jedes Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs aus den führenden Industrienationen beherrscht.

Die dort diskutierten Vorschläge greifen jedoch zu kurz. Mit neuen Technologien will man in noch entferntere Winkel der Erde vordringen oder den kanadischen Ölsand in schwarzes Gold verwandeln, mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche die politischen Unruheherde in den Förderregionen der Welt befrieden. All das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Ölreserven nicht ausreichen, um den wachsenden Energiehunger der Welt zu stillen.

Statt nur den letzten Tropfen Öl aus der Erde herauszupressen, sollten die Ölverbraucher endlich damit beginnen, ihre Sucht in den Griff zu bekommen. Dabei gilt es, alle Möglichkeiten zu nutzen: von der Windkraft und Solarenergie über den Hybridantrieb und den Einsatz von Ethanol bei Autos bis hin zum Energiesparen beim Häuserbau. Wer diese Alternativen zum Öl immer noch belächelt, sollte sich klar machen, dass die Welt gar keine andere Wahl hat. Entweder wir entschließen uns bald, unsere Sucht nach Öl zu bändigen, oder die Realität zwingt uns zum kalten Entzug. Der wäre wirtschaftlich und politisch viel schmerzlicher.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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