Ölpreise
Großes Rätsel

Die Opec-Staaten drosseln ihre Produktion. Finanzkrise und Rezession haben die Weltölmärkte auf Baisse gestimmt.

Nach dem Allzeithoch von fast 150 Dollar je Barrel (159 Liter) im Frühsommer dieses Jahres sind die Rohölnotierungen in diesem Herbst kräftig ins Rutschen gekommen. Statt in Richtung der 200-Dollar-Marke, so Schätzungen in diesem Frühjahr, bewegen sich die Erdölpreise auf 60 Dollar zu.

Die Experten haben in den letzten Jahren den Ölpreistrend immer wieder falsch eingeschätzt. Es gibt unter den Prognostikern ein gewisses Herdenverhalten. Keiner möchte sich mit seinen Hochrechnungen allzu weit von der Mehrheitsmeinung entfernen. Hinzu kommt, dass in der Vergangenheit vor allem Investmentbanker extreme Haussewerte präsentierten, um anschließend von entsprechenden Wettkontrakten profitieren zu können.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die Ölverbrauchsschätzungen häufig unter Berücksichtigung amtlicher Wachstumsannahmen kalkuliert worden sind. Die Internationale Energieagentur in Paris präsentiert ihre monatlichen Weltölverbrauchsprognosen auf der Basis der bei der OECD zusammengefassten Erwartungen zum Sozialprodukt der industriellen Mitgliedsländer. Vor diesem Hintergrund kommt es nicht überraschend, dass Ausreißer sowohl nach oben als auch nach unten in aller Regel nur mit Verzögerungen antizipiert werden.

Die Trefferquote beim Ölpreisrätsel lag in diesem Jahr deshalb besonders daneben, weil Finanzakteure für zusätzliche Ungleichgewichte gesorgt haben. In der ersten Jahreshälfte wurde auf Hausse spekuliert; es wurden entsprechende Kaufpositionen getätigt. Als sich Einbrüche bei den Zuwächsen im Weltölkonsum abzeichneten, bauten die Finanzakteure Baissepositionen auf, die den Preisdruck verstärken. Außerdem mussten im Zuge der Finanzkrise etliche Spekulanten Gelder abziehen.

Heute bestimmen wieder Fundamentalfaktoren stärker das Ölpreisgeschehen. Auf der Nachfrageseite ist das Wachstum schwächer geworden. Nach Zuwächsen um jährlich zwei Prozent im Durchschnitt dieser Dekade könnte sich das Wachstum des Weltölkonsums kurzfristig auf die Nulllinie hinbewegen. In den Industrieländern geht die Ölnachfrage deutlich zurück, während der Verbrauch in den Schwellenländern durch Subventionen noch gestiegen ist. Doch dürfte eine globale Rezession dazu führen, dass auch der Aufwärtstrend der Ölnachfrage in den Entwicklungs- und Schwellenländern gebrochen wird.

Auf der Angebotsseite hat sich die Situation entspannt. Die in den letzten Jahren kräftig erhöhten Investitionen schlagen sich in Kapazitätszuwächsen nieder. Die freien Angebotsreserven sind gewachsen, so dass auch politische oder klimatisch bedingte Lieferstörungen besser ausbalanciert werden können. Die durch die Hurrikans im Golf von Mexiko verursachten Angebotsausfälle konnten in den letzten Wochen ohne Probleme kompensiert werden. Dennoch bestehen Risiken fort, die erneut erratische Preisbewegungen verstärken können.

Den Opec-Staaten kommt nach wie vor die Schlüsselrolle bei der Belieferung der Weltmärkte zu. Diese Angebotsgruppe will starke Preisabschläge unbedingt verhindern. Auf das Kartell entfallen 60 Prozent des international gehandelten Öls. Durch die geplante Drosselung der Produktion können Baissetendenzen bei der Preisbildung kurzfristig wieder gestoppt werden. Entscheidend wird sein, ob Saudi-Arabien seine Ölhähne tatsächlich zudreht.

Für die weitere Entwicklung ist der Schlüsselfaktor, ob das globale Wirtschaftswachstum dauerhaft einbricht. Dann würde der Ölkonsum überdurchschnittlich sinken. Kurzfristig sind die Weltölmärkte außerordentlich unelastisch, so dass erratische Preisausschläge jederzeit möglich sind. Von den Grenzkosten her liegen die Orientierungsgrößen im Bereich von 50 bis 80 Dollar je Barrel. Mit diesen Größen kalkulieren die führenden Mineralölgesellschaften ihre Investitionsprojekte. Es spricht einiges dafür, dass auch die Opec-Staaten diese Spanne absichern wollen.

Nach oben ist die Preisskala aber wieder offen, wenn die Zuwächse des Weltölkonsums im Zuge einer konjunkturellen Belebung erneut in den Bereich von jahresdurchschnittlich zwei Prozent wachsen sollten. Dann wären die aktuellen Kapazitätsreserven schnell aufgezehrt.

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