Ölversorgung
Entziehungskur

Hilfe, das Ende ist nah! Immer wieder haben die endlichen Ressourcen der Erde apokalyptische Visionen ausgelöst. Beim Öl ist es mal wieder so weit. Während dessen Preis neue Höhen erklimmt, mehren sich die Stimmen, die einen raschen Niedergang der Ölproduktion prophezeien. Der Gipfel sei überschritten oder werde bald erreicht. Und von dort aus werde es rapide bergab gehen, warnen die Anhänger der so genannten „Peak Oil“-Theorie.
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Ihr geistiger Vater ist der texanische Geologe M. King Hubbert. Der damalige Shell-Mitarbeiter sagte 1956 voraus, dass die Ölproduktion der USA in den frühen 70er-Jahren ihren Höhepunkt überschreiten würde. Er wurde ausgelacht, doch er behielt recht. Der von ihm prognostizierte glockenförmige Verlauf der Produktionskurve mit einem raschen Anstieg und einem fast ebenso raschen Abstieg vom Gipfel bestätigte sich inzwischen für einzelne Ölfelder genauso wie für ganze Förderregionen. Zuletzt war sie in der Nordsee nachzuvollziehen.

Nach dem gleichen Muster werde sich die Weltölförderung entwickeln, sagen die Peak-Oil-Propheten. Mehrere Zeitpunkte, zu denen der Gipfel erreicht werden sollte, sind allerdings schon verstrichen. Nun gibt es einige Stimmen, die den Höhepunkt 2005 oder 2006 überschritten wähnen. Gestern legte die aus der Alternativenergie-Szene stammende Energy Watch Group eine Studie vor, die eine Halbierung der Produktion vom Gipfel 2006 bis 2030 voraussagt. Die Internationale Energieagentur (IEA) hingegen glaubt, dass die Förderung bis dahin noch um mehr als ein Drittel steigen wird. Diese Prognosen könnten unterschiedlicher nicht sein, doch das Problem ist: Beide könnten stimmen. Die künftige Ölproduktion hängt von vielen Variablen ab. Die wichtigste ist die Zahl der verfügbaren Ölreserven. Die offizielle Zahl beruht auf den Angaben staatlicher Ölfirmen in zum großen Teil undemokratischen Ländern. Nehmen wir einmal die Staaten mit den fünf höchsten ausgewiesenen Reserven an konventionellem Öl: Saudi-Arabien, Iran, Russland, Irak und Venezuela. Sie vereinen weit mehr als die Hälfte der weltweiten Reserven auf sich. Wie verlässlich deren Angaben sind, lässt sich kaum bis gar nicht überprüfen. Die Energy Watch Group reduziert sie deshalb in ihrer Analyse um fast die Hälfte und definiert damit eine Ölkrise herbei.

Nicht einmal die Produktionsdaten aus vielen führenden Ölstaaten seien einigermaßen verlässlich, klagen Experten. Die mangelnde Transparenz öffnet Spekulationen Tür und Tor. Wer mit Fakten argumentieren will, muss sich an die gut dokumentierte Produktion der OECD- Staaten halten. Doch diese bietet kein schönes Bild. Seit der Jahrtausendwende schrumpft sie, und bis 2030 wird sie um mehr als 40 Prozent zurückgegangen sein. Auch die von der Börsenaufsicht überprüften Daten der großen Ölkonzerne bieten wenig Trost. In den 60er-Jahren hatten sie noch Zugang zu 85 Prozent der Weltölreserven. Heute ist ihnen ein fast ebenso großer Teil durch Verstaatlichungen verschlossen. Ihre Produktion stagniert seit Jahren, und es fällt ihnen immer schwerer, gefördertes Öl durch neue Funde zu ersetzen. Für die Ölversorgung in den nächsten Jahrzehnten können wir also nur hoffen, dass die Angaben über die Reserven der Opec-Staaten stimmen. Ihr Anteil am Ölmarkt wird nämlich laut IEA von rund 40 Prozent auf fast 50 Prozent im Jahr 2030 steigen, weil die Produktion außerhalb der Opec im kommenden Jahrzehnt ihren Höhepunkt überschreiten wird. Unkonventionelles Öl wie Ölsände oder Ölschiefer können das Problem mildern, aber nicht aufheben.

Damit hängt die Zukunft unserer Ölversorgung noch mehr als die Gegenwart von Staaten ab, in denen totalitäre Regime herrschen, von denen manche dem Westen offen feindselig gegenüberstehen. Zugleich investieren die private wie die staatliche Ölindustrie schon seit vielen Jahren zu wenig, um der steigenden Ölnachfrage gerecht werden zu können. Dies offenbart eine Studie des Energieinformations-Anbieters Platts. Falls also die Weltwirtschaft nicht in eine Rezession rutscht, wird das Öl schon in wenigen Jahren knapp und damit noch teurer. Vor diesem Hintergrund sollten die westlichen Industriestaaten dankbar sein, dass der Ölpreis schon jetzt auf die Marke von 100 Dollar zusteuert. Sie dürfen nicht abwarten, bis deutlich wird, ob die Peak-Oil-Propheten recht haben oder die Öl-Optimisten, die die Produktion noch für mehrere Jahrzehnte auf heutigem Niveau als gesichert sehen. Sie müssen handeln, um die Abhängigkeit vom Öl jetzt zu reduzieren. Die Entziehungskur wird lang und schmerzlich genug sein – fangen wir damit an!

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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