Ölversorgung
Höchst anfällig

Die Ölproduzenten sitzen nach wie vor am längeren Hebel. Die Weltölmärkte signalisieren Knappheiten, weil das Wachstum der Nachfrage hoch bleibt und die Zuwächse bei den nicht kartellgebundenen Anbietern unter den Erwartungen liegen. Die Quotenkürzungen der Opec zeigen Wirkung und halten die Ölpreise auf hohem Niveau.
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Die Hoffnung auf einen Ölpreiskorridor zwischen 50 und 60 Dollar je Barrel hat sich in diesem Jahr als trügerisch erwiesen. Angesichts der bevorstehenden „Driving Season“ in den USA und der in den nächsten Monaten wachsenden Hurrikangefahr im Golf von Mexiko spricht einiges dafür, dass die Notierungen wieder deutlich in Richtung 80 Dollar getrieben werden. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris hat die Opec-Mitglieder bereits aufgefordert, ihre Förderquoten kurzfristig aufzustocken. In Paris heißt es, dass die vor allem in Asien und den USA wenig preiselastische Nachfrage die Versorgungsängste nachhaltig schüren würde. Der Umfang freier Angebotsreserven halte sich trotz der Gewinnexplosion in den letzten Jahren in Grenzen. Die Kapazitätspuffer würden gerade ausreichen, um iranische Lieferausfälle ausgleichen zu können. Aber nicht nur Störungen der iranischen Exporte sind möglich, auch Lieferungen aus dem Irak und aus Nigeria sind ständig gefährdet. Hinzu kommt, dass in den USA die Engpässe im Raffineriesektor immer noch nicht beseitigt sind. Ferner sind die Wachstumsraten der russischen Ölexporte gesunken. Moskau ist im Ölgeschäft unkalkulierbar geworden.

Kurz- bis mittelfristig ist entscheidend, ob das Investitionstempo beim Aufschluss neuer Förderkapazitäten und beim Bau von Raffinerien beschleunigt werden kann. Der Welt geht das Öl zwar noch lange nicht aus, aber die bestätigten und angenommenen weltweiten Reserven sind nach einer Untersuchung des New Yorker Energieinformationsdienstes „Petroleum Intelligence Weekly“ in den letzten beiden Jahren auf knapp 200 Milliarden Tonnen zurückgegangen. In der jüngsten Vergangenheit haben neue Funde nur zu etwa 20 Prozent zu den globalen Ölreserven beigetragen. Die übrigen Mengen stammten aus der Neubewertung bekannter Vorkommen. Es ist davon auszugehen, dass der jährliche globale Ölverbrauch bis zur Mitte der nächsten Dekade von heute knapp vier Milliarden Tonnen auf mehr als 4,7 Milliarden steigen wird. Mit Blick auf den zu erwartenden Autoboom in China erscheint diese Hochrechnung der IEA plausibel, selbst wenn sparsamere Techniken auf den Markt kommen. Biorohstoffe werden in den nächsten Jahren jedenfalls nur einen Teil des Bedarfs decken können.

Unter Berücksichtigung dieser Ausgangsdaten ist es zur Begrenzung des Risikos von Ungleichgewichten erforderlich, die Explorations- und Fördermethoden durch Innovationen zu verbessern. Dies gilt insbesondere beim Blick auf teures Offshore-Öl, dessen Anteil deutlich steigen wird. Ferner müssen die Investitionen erheblich gesteigert werden, damit sowohl der wachsende Ölbedarf gedeckt werden kann als auch die als Stabilitätspuffer erforderlichen freien Kapazitätsreserven erhöht werden können. Die Bereitschaft, die Investitionsbudgets zu erhöhen und den Austausch von Know-how zwischen staatlichen und privaten Unternehmen auf kooperativer Basis zu pflegen, war in jüngster Zeit rückläufig. Diese Entwicklung könnte dazu führen, dass preistreibende Mangelsituationen drohen. Die Opec hat jüngst mit Investitionskürzungen gedroht, sollten die westlichen Verbraucherländer verstärkt Biorohstoffe nutzen. Dann könnte das bis 2012 geplante Investitionsbudget von insgesamt 130 Milliarden Dollar reduziert werden, heißt es in dem Kartell.

Es wäre daher sinnvoll, wenn die IEA und die Opec ihre Investitionsstrategien besser koordinieren würden. Zudem ist es erforderlich, dass die staatlichen Restriktionen in den wichtigsten Förderregionen gelockert und kalkulierbare Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit zwischen staatlichen und privaten international aktiven Ölgesellschaften geschaffen werden. Die privaten Ölkonzerne haben heute nur noch Zugang zu rund zehn Prozent der weltweiten Ölvorkommen. Deshalb wird das global vorhandene Know-how bei der Exploration nur höchst unvollkommen genutzt. Dies provoziert die Gefahr, dass trotz reichlich vorhandener Ölreserven langfristig die notwendigen Kapazitäten fehlen. Aber selbst wenn sich die Kooperationschancen verbessern sollten, bleibt die Konstellation an den Ölmärkten kurzfristig labil. Unerwartete Nachfrageschübe und unkalkulierbare Angebotsausfälle treffen auf sehr geringe Ausgleichspuffer. Die Ölpreise bleiben daher für Schwankungen höchst anfällig.

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